20
J
Rot-, Hoch- und Damwild, wozu wir für höhere Breiten auch noch
die Renntiere rechnen wollen, ein Übergangsstadinm darstellt zwischen
der Bedarfsdeckung an Häuten bei ursprünglicheren Zuständen der Wirt
schaft und zwischen der Bedarfsdeckung an Häuten aus den durch die
menschliche Wirtschaft über die ganze Erde verbreiteten Haustieren. Die
Felle dieser Tiere gehören ursprünglich zu den Rohstoffen des mit Tran
gerbenden Weißgerbers, d. h. des Sämischgerbers, wozu sie sich auch
nach ihren Entstehungsbedingungen besonders gut eignen. Es ist nun
interessant zu sehen, wie der allgemeine wirtschaftliche Charakter eines
Landes im Sinne obiger Darlegung übereinstimmt mit der Menge der
Felle, welche von ihm auf den Markt gebracht werden, und mit der
Art der Verwendung dieser Häute und Felle. In den deutschen Gerbereien
wurden im 17. und 18. Jahrhunderts Hirschhäute, natürlich neben
einem ausgedehnten Verbrauch in den Weißgerbereien, sogar noch lohgar
gemacht. Es spricht dies für einen großen Reichtum des Landes an
solchen Tieren, da die Hirschhaut in diesem Falle einer niedrigeren
Verwendungsmöglichkeit zugeführt wird, als ihr nach unseren An
schauungen gebührt. Daß man um die Mitte des 18. Jahrhunderts
noch in Deutschland ziemlich stark mit diesen Wildhäuten rechnete, geht
auch aus folgendem Satze Zinckes 2 J hervor: Es „wird die Jagd der wilden
Tiere . . . durch ... den Ruin der Wildstände und Wälder mit ihrer
Lieferung der Häute sehr eingeschränkt". In Frankreich wurden der
artige Häute und Felle um diese Zeit nicht mehr lohgar gemacht; neben
wenigen inländischen Provenienzen a ) wurden sie hauptsächlich aus Kanada
und Louisiana, daneben auch aus Deutschland und Spanien bezogen
und fast ausschließlich den Weißgerbereien zugeführt. In Rußland nahm
zur Zeit Peters des Großen die Verarbeitung von Renntier- und Elen
häuten eine hervorragende Stellung in den Weißgerbereien für die
Lederindustrie des Landes ein^), und auch heute noch werden Renn-
und Elenhäute, jetzt aus Schweden und Norwegen bezogen 5 ), in großen
Mengen sämischgar gemacht. Neuerdings scheint man in Amerika zur
Überführung von Hirschhäuten in Gloveleder die alten Gerbemethoden
durch eine kombinierte Chromglacegerbung ersetzen zu wollen").
Eine eigentümliche und sehr schwankende Wertschätzung, welche an
die der eingangs besprochenen Bindegewebe erinnert, hat das Pferde
leder durchgemacht.
Auf der ersten Stufe wirtschaftlicher Wertschätzung und Verwendung
gehört das Pferd unzweifelhaft noch zu den Tieren vom Range des
eben besprochenen Schwarz- und Hochwildes. Hier ist die Pferdehaut
-) Schauplatz 1766, Bd. V, S. 417. -) Becher 1759, Bd. II, S. 1372.
Schauplatz 1775, Bd. IV, S. 120. 4 ) Gerbercourier 1901, Nr. 35.
6 ) Gerbercourier 1890, Nr. 10. 6 ) M. A. Gerbemethodeu 1903, S. 282.