Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

3.  Die  volkswirtschaftliche  Bedeutung  der  Aktiengesellschaft.  125

fügen  Verhältnissen  sich  nicht  auflöst,  sondern  mit  wachsenden  Unterbilanzen  weiterarbeitet. ­

Mit  dem  vorhergehenden  hängt  zusammen  die  Unbeweglichkeit  der  Aktiengesellschaft ­
  in  bezug  auf  ihren  Kapitalbedarf.  Die  allmähliche  Vermehrung  oder  Verminderung ­
  des  Kapitals  ist  schwierig.  Für  Unternehmungen,  bei  welchen  eine  solche
geboten  ist,  eignet  sich  also  die  Aktiengesellschaft  weniger.
Die  Bedeutung  der  Aktiengesellschaft  liegt  weiter  in  der  Möglichkeit,  sehr
große  Kapitalien  aufzubringen.  Bei  der  Beschränkung  des  Risikos
auf  die  Einlage,  der  Hoffnung  auf  Gewinn,  der  Leichtigkeit,  die  Aktien  zu  veräußern,
können  selbst  für  gewagte  Unternehmungen  und  auf  Gebieten,  auf  welchen  die  Erfahrung ­
  fehlt,  ganz  außerordentliche  Summen  verhältnismäßig  leicht  zusammengebracht
werden,  wenn  eine  gewisse  Menge  anlagesuchendes  Kapital  schon  vorhanden  ist.  Man
denke  an  die  Entstehung  der  großen  Eisenbahn-  und  Schiffahrtsunternehmungen,  an
den  Suez-  und  Panamakanal,  an  die  transozeanischen  Kabel,  an  die  großen  Banken.
Auf  die  Gefahr,  welche  in  dieser  Leichtigkeit  der  Kapitalsbeschaffung  liegt,  wird
weiterhin  einzugehen  sein.  Zunächst  ist  zu  beachten,  daß  die  Aktiengesellschaft  in  ihrer
gegenwärtigen  Verbreitung  in  den  meisten  Fällen  nicht  mehr  der  Beschaffung  sehr
großer  Kapitalien  dient.  Die  neueren  Zusammenstellungen  zeigen  allgemein  so
niedrige  Durchschnittsgrößen  des  Aktienkapitals,  daß  die  Zahl  der  ganz  kleinen  Gesellschaften ­
  sehr  erheblich  sein  muß.  Bei  %—%  der  in  letzter  Zeit  in  Deutschland  neu
gegründeten  Gesellschaften  erreichte  das  Kapital  höchstens  1  Million  Jl.  Selbst  nach
Einführung  der  neuen  Form  der  Gesellschaft  mit  beschränkter  Haftung  kommen  die
Zwerggesellschaften  noch  vielfach  vor.  Von  den  4952  Aktiengesellschaften,  die  bis
Ende  1906  in  Deutschland  bestanden,  hatten
ein  Kapital

488

bis  zu

100  000  Jl,

528

von  100  000--250

  000  Jl,

718

„  250  000--500

  000  Jl,

aber  allerdings  480  ein  Kapital  von  mehr  als  5  Millionen  Jl.*)
Die  ganz  kleinen  Aktiengesellschaften  dienen  vielfach  gemeinnützigen  oder  geselligen ­
  Zwecken,  bei  welchen  die  Rücksicht  auf  Rentabilität  nicht  oder  nur  in  zweiter
Linie  in  Betracht  kommt.  Volkswirtschaftlich  haben  diese  keine  besondere  Bedeutung.
Eine  gewisse  Zahl  von  Aktiengesellschaften  entsteht  als  „Familiengründung".
Die  Form  der  Aktiengesellschaft  dient  der  Erhaltung  der  Unternehmung  in  gemeinsamem ­
  Besitz  der  Erben,  von  denen  vielleicht  keiner  sich  zum  Leiter  eines  solchen  Betriebes ­
  eignet.
Eine  große  Zahl  von  Aktiengesellschaften  entsteht  aus  Einzelunternehmungen
mäßigen  Umfangs,  welche  namentlich  in  Zeiten  aufsteigender  Konjunktur  in  dieser
Form  sich  zu  günstigen  Bedingungen  veräußern  lassen.  Das  anlagesuchende  Kapital
ist  so  erheblich,  der  Reiz  des  möglichen  Gewinnes  bei  begrenztem  Risiko  ohne  Unternehmertätigkeit ­
  so  groß,  daß  auch  kleinere  Gesellschaften  Teilnehmer  finden,  obgleich
derartige  Aktien  naturgemäß  nicht  so  leicht  wieder  veräußert  werden  können.  Daher

*)  Ende  1911  gab  es  im  Deutschen  Reiche
Änkis  nominelles  Aktienkapital
09  in  Millionen  M
„tätige"  Aktiengesellschaften  5340  16103,9
Gesellschaften  in  Liquidation  302  329,5
Gesellschaften  in  Konkurs  77  69,9
Vierteljahrshefte  zur  Statistik  des  Deutschen  Reichs.  Herausgegeben ­
  vom  Kaiserlichen  Statistischen  Amte.  21.  Jahrgang,  1912.  Erstes  Heft.  Berlin,  Puttkammer ­
  &  Mühlbrecht,  1912.  S.  90.  —  G-  M.
            
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