310 Zweiter Teil. Handel. XIII. Versicherungswesen.
Ereignisse, welche im allgemeinen imstande sein können, das materielle Wohl einer
Familie zu zerstören, ausreichend Fürsorge getroffen ist. Die zufälligen nachteiligen
Ereignisse selbst hindert die Versicherung zwar nicht, aber ihre wirtschaftlich un
günstigen Folgen beseitigt sie.
Betrachtet man die Versicherung von dem Gesichtspunkte aus, welche Vorteile
sie nicht nur für den einzelnen, sondern für eine große Gesamtheit, die Volks
wirtschaft bringt, so ist vor allenr darauf hinzuweisen, daß, solange es keine
Versicherung gibt, nur sehr reiche Leute große Unternehmungen ins Werk setzen
können. Nur sie können sich der Gefahr aussetzen, einen erheblichen Verlust zu
erleiden. Mit dem Aufkommen der Versicherung ist auch der weniger Reiche im
stande, sich an riskanten Unternehmungen, am Überseehandel usw. zu beteiligen;
und je ausgebreiteter die Versicherung ist, desto weitere Kreise einer Volkswirtschaft
werden der Produktion gewonnen.
Die Wirkung der Versicherung ist in allen Klassen der Bevölkerung zu ver
spüren, und es gibt keine Grenzen des Reichtums und keine der Armut, wo man
etwa die Versicherung für überflüssig erklären könnte. An sich erscheint die Ver
sicherung um so wertvoller, je ärmer der an ihr Beteiligte ist. Aber bei den un
berechenbaren Schwankungen des immer verwickelter werdenden Weltmarktes, der
immer neue Probleme bildenden Weltwirtschaft, wird die absolute Sicherheit selbst der
größten Vermögen immer geringer. Wenn zahlreiche Wirtschaftssubjekte in größerer
Zuversicht und Ruhe der Zukunft entgegenblicken und in der Überzeugung tätig
sein können, daß, was immer auch kommen mag, für den Fortbestand der Wirt
schaft und die Hinterbliebenen gesorgt ist, so ergibt sich daraus auch für die Volks
wirtschaft die erfreulichste Folge. Die Gütererzeugung wird ganz allgemein gefördert,
und es tritt insbesondere dank der Güterversicherung in ihren verschiedenen Formen
eine größere Gleichmäßigkeit der Preise ein. Denn wie im Leben des einzelnen,
so wird in der ganzen Volkswirtschaft der Zufall ausgeschaltet, und man kann auf
Grund des Bestehens der Versicherung mit der ruhigen Fortentwickelung, dem
ruhigen Bestand der gegenwärtigen Verhältnisse im kaufmännischen, im gesamten
Wirtschaftsleben rechnen.
Was die soziale Bedeutung der Versicherung anbelangt, so ist hier an
erster Stelle anzuführen, daß die Versicherung eine Förderung des Familiengeistes
und Familienlebens bringt.
Nicht nur die Möglichkeit der Vermögens- und Einkommenssicherung gewährt
die Versicherung, sie gibt auch die Möglichkeit zum Emporsteigen einer Familie in
eine höhere Klasse, indem durch sie Studiengelder, Mittel zur Errichtung eines Ge
schäfts u. ä. gesichert werden können. So können durch die Versicherung die Mittel
zur Verbreitung der Bildung gewonnen werden.
Wie die Versicherung das Hinaufsteigen in eine höhere Klasse befördern kann,
so kann sie anderseits Familien vor dem Herabsinken aus oberen Klassen in niedere
bewahren. Das hat man namentlich in Amerika erkannt, wo es als die selbstver
ständliche Pflicht jedes auch noch so reichen jungen Ehemanns gilt, seiner Frau eine
möglichst hohe Lebensversicherungspolice mit in die Ehe zu bringen.
Nicht nur die einzelnen Familien fördert die Versicherung, sie knüpft vielmehr
auch ein Band unter den Familien. Sie bringt eine engere Verkettung der Interessen.
Sie durchsetzt den wirtschaftlichen Egoismus mit altruistischen Gedanken. Und da,
wo Versicherungen auch aus rein egoistischen Gründen abgeschlossen werden, sind
doch die Wirkungen die gleichen, wie wenn altruistische Gründe maßgebend ge
wesen wären. Denn die Versicherung kommt nicht nur demjenigen zugute, welcher
sich direkt an ihr beteiligt, sondern auch seinen Angehörigen, seinen Gläubigern.