472 Vierter Teil. Weltwirtschaft und Handelspolitik. II. Industriestaat.
schen, verschiedenen Produktionsbedingungen, an ihre nationalwirtschaftliche Individualität.
Deutschland, Belgien, die Schweiz sind Industriestaaten geworden wie Frankreich
und England; Nordamerika schickt sich an, einer zu werden. Aber sie betreiben
andere Exportindustrien wie Frankreich und England. Nicht vernichtende Konkurrenzierung,
sondern heilsame Differenzierung der Nationen, nicht dauernder Rückgang,
sondern ständiger Aufstieg des Außenhandels ist die Folge des Umsichgreifens der
Industrialisierung gewesen.
Die Industrialisierung Deutschlands usw. hat für die Nationen, die schon in der
ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts Industriestaaten waren, d. h. Frankreich und
England, ein Einschrumpfen der Ausfuhr nicht zur Folge gehabt.
Warum sollte denn das Ergebnis ein anderes sein, warum sollte eine rückläufige
Bewegung in der „Exportindustrie" der Industriestaaten von heute sich einstellen,
wenn künftig Länder wie Italien, Spanien, Portugal, die Balkanstaaten, Rußland,
— Kanada, Mexiko, Brasilien, Chile, Argentinien, — Ostindien, Japan, China, —
Australien in größerem Stile als heute zu fabrizieren begännen?
Wenn weitgehende Arbeitsteilung, wenn ausgedehnter Verkehr in Fabrikaten
zwischen Ländern wie England, Deutschland, Frankreich, Belgien, Schweiz stattfindet,
zwischen Ländern, die alle in der gemäßigten Zone liegen, alle auf ungefähr gleicher
Stufe sozialer und wirtschaftlicher Kultur stehen, — die Wahrscheinlichkeit, daß Arbeitsteilung
und Verkehr nicht nur aufrecht bleiben, sondern noch emporgehen, ist doch eine
weit, weit höhere, wenn es sich um jene Industriestaaten von heute einerseits, die Rohstoffstaaten
von heute andererseits handelt? Denn zwischen jener und dieser Gruppe
ist doch die Verschiedenheit der natürlichen wie der sozial-wirtschaftlichen Verhältnisse
eine ungleich größere als zwischen den Ländern der ersteren Gruppe?
„Die Natur" — sagt Hume — „hat dadurch, daß sie den einzelnen Völkern
so ungleiche Gaben, so verschiedene Klimate und Böden zuwies, den Austausch unter
ihnen so lange gewährleistet, als sie alle arbeitsam und zivilisiert bleiben."
Wer glaubt, daß Industrialisierung der Rohstoffstaaten Emporkommen gleicher
Industrien wie in den westeuropäischen Ländern bedeute, hat sich den Einfluß
der Differenz der natürlichen Verhältnisse auf die Gestaltung der Fabrikation nicht klar
gemacht.
Engels schreibt: „Die Bedingungen der modernen Industrie, Dampfkraft und
Maschinerie, sind überall herstellbar, wo es Brennstoffe, namentlich Kohlen, gibt, und
andere Länder neben England haben Kohlen: Frankreich, Belgien, Deutschland,
Amerika, selbst Rußland." Und Oldenberg: „Die natürlichen Voraussetzungen,
. . . namentlich Eisen- und Brennstoffvorräte, fehlen den wichtigsten Konkurrenzländern
nicht, sind vielmehr zum Teil in Hülle und Fülle vorhanden."
Gewiß, — jene Hilfsstoffe gibt es vielerorts. Hat aber das Dasein von Kohlen
und Eisenerzen bewirkt, daß die Völker, die deren Besitzes sich freuen, alle gleiche
Fabrikationszweige betreiben? Mit Nichten; ihre industrielle Physiognomie ist grundverschieden.
Einmal deshalb, weil es nicht nur auf das Dasein von Kohlen und Eisenerzen
ankommt, sondern auch auf deren Qualität (z. B. Koksbarkeit der Kohlen) und Quantität,
wie auf deren Produktionskosten und Transportkosten.
Bezüglich dieser Momente walten aber stärkste Differenzen. England erscheint
als der von Natur meistbegünstigte Staat. In Deutschland müssen wir die Kohlen
zu den Erzen oder die Erze zu den Kohlen fahren, während sie in England dicht beieinander
sich finden. In Frankreich sind die „schwarzen Diamanten" wie das Eisen
spärlich gesäet. Selbst wenn — was keineswegs der Fall — alle sonstigen Voraus-