Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

8.  Der  deutsch-russische  Handelsvertrag  von  1894.

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daß  man  den  Bundesgenossen  im  Süden  für  die  wirtschaftlichen  Folgen  der  Abkehr
von  Frankreich  und  des  Anschlusses  an  Deutschland  schadlos  halten  müsse.  Im
Einvernehmen  mit  offiziellen  deutschen  Kreisen  war  Ende  der  achtziger  Jahre  das
Eintreten  der  deutschen  Finanzmächte  für  den  italienischen  Staatskredit  erfolgt,
als  der  französische  Markt  einen  Feldzug  gegen  italienische  Werte  eröffnet  hatte.
Wenn  Caprivi  vollkommen  loyal  zugab,  daß  politische  Gründe  gleicher  Art
nicht  etwa  zugunsten  der  Handelsverträge  Deutschlands  mit  den  neutralen  Staaten
Schweiz  und  Belgien  geltend  gemacht  werden  konnten,  so  war  anderseits  —  ohne  daß
es  ausgesprochen  wurde  -—  leicht  zu  erraten,  daß  wirtschaftliche  Freundschaft  mit  diesen
neutralen,  zwischen  Deutschland  und  Frankreich  gelegenen  Gebieten  jedenfalls  den
Friedensinteressen  Deutschlands  förderlich  sein  mußte.

8.  Der  deutsch-russische  Handelsvertrag  von  1894.
Bon  Gerhartv.  Schulze-Gävernitz.
v.  Schulze-Gävernitz,  Volkswirtschaftliche  Studien  aus  Rußland.  Leipzig,  Duncker
&  Humblot,  1899.  S.  616—618-Rußland
  ist  heute  nicht  mehr  das  Land  der  Eisbären  und  Zobeltiere;  in
seinen  Grenzen  gedeiht  die  Baumwollstaude,  und  die  Dattelpalme;  durch  seine
Bahnbauten  gliedert  es  sich  einen  immer  größeren  Teil  des  asiatischen  Festlandes
an.  Während  gegen  Ausgang  des  Mittelalters  die  Verlegung  der  Welthandelsstrahen
  nach  dem  Westen  Deutschlands  Niedergang  besiegelte,  so  verbesserte  bereits
der  Suezkanal  diese  peripherische  Lage  Deutschlands.  Mit  dem  Aufschwung  des
östlichen  Europa  und  des  kontinentalen  Asien  wird  Deutschlands  Lage  wieder  zentraler: ­
  nach  Vollendung  der  sibirischen  Bahn  wird  man  in  etwa  gleicher  Zeit,  von
Berlin  nach  Osten  oder  Westen  aus  fahrend,  den  Pacific  erreichen.  (Petersburg—
Peking  auf  14  Tage  veranschlagt.)*)  Schon  ist  es  kein  phantastischer  Traum  mehr,
ein  gesamtasiatisches  Eisenbahnsystem,  und  dieses  verbunden  mit  dem  europäischen,
zu  denken.  Rußlands  Kräfte  allein  sind  dieser  riesigen  Aufgabe  nicht  gewachsen;  es
liegt  aber  in  russischem  Interesse,  türkische  Bahnen  lieber  in  deutschen  und  französischen ­
  als  in  englischen  Händen  zu  sehen.
Ihren  angemessenen  Ausdruck  fand  diese  Interessengemeinschaft  in  dem
deutsch-russischen  Handelsverträge  von  189  4.  Dieser  Vertrag  war
zunächst  ein  Vorgang  von  weitreichender  wirtschaftlicher  Bedeutung,  ein  legitimes
Geschäft,  bei  dem  beide  Parteien  ihren  Vorteil  fanden.  Daß  letzteres  tatsächlich  der
Fall  war,  darüber  läßt  die  beiderseitige  Handelsstatistik  keinen  Zweifel.  Übrigens
haben  die  Zollherabsetzungen,  welche  Rußland  im  Handelsvertrag  gewährte,  trotz
ihrer  unzweifelhaften  Vorteile  für  die  deutsche  Ausfuhr  die  russische  Industrie  keineswegs ­
  geschädigt:  denn  die  gewaltigste  Woge  russischen  Jndustrieaufschwungs  erhob
sich  erst  nach  Abschluß  des  Handelsvertrags.
Sodann  bedeutete  der  Handelsvertrag  einen  Schlag  gegen  gewisse,  auf  beiden
Seiten  weitverbreitete  volkswirtschaftliche  Irrtümer.
Beide  Nationen  sahen  sich  durch  die  Macht  der  Tatsachen  daraus  hingewiesen,
daß  die  Vorstellung  der  wirtschaftlichen  „Unabhängigkeit  vom  Auslande"  heute  ver-*)

  Wer  St.  Petersburg  Sonnabendmittag  12*°  verläßt,  ist  am  Freitagvormittag  8*°  in
Irkutsk,  am  Sonntagnachmittag  5“  In  Chardin  und  am  folgenden  Mittwochabend  7—  in
Peking,  f.  Reichskursbuch,  Mai  1912,  Nr.  608.  —  G.  M.
            
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