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Fünfter Teil. Verkehr. III. Eisenbahnen.
der Bahnen zu übernehmen haben. Die großen Kapitalien, die in Eisenbahnen an
gelegt sind, und die wichtige Stellung der Eisenbahnen im öffentlichen Leben machen
es ferner nötig, daß sie durch Gesetz oder durch Konzession gezwungen werden zur
Rücklage von Reserve- und Erneuerungsfonds, und daß auch bei der Bemessung der
Dividende dem Staate eine Mitwirkung zusteht. In den Eisenbahnkonzessionen vieler
Staaten findet sich die Bestimmung, daß, wenn die Dividende einen gewissen Prozent
satz des Anlagekapitals (meist 10 %) überschreitet, die Eisenbahnen zur Herabsetzung
ihrer Tarife verpflichtet sind. Der Zweck dieser Bestimmung, die übrigens, soviel
bekannt, niemals praktisch geworden ist, geht dahin, den Verkehr gegen eine unge
messene Ausbeutung durch die Eisenbahnen sicherzustellen. Die Eisenbahnen aller
Länder haben bisher stets Mittel und Wege zur Umgehung dieser Bestimmung ge
funden, die denn auch nicht mehr in die Konzessionen aufgenommen zu werden pflegt.
4. Der 16. September 1830.
Von Max Maria v. Weber.
v. Weber, jDer 16. September 1830. Festredej*) In: Zur Erinnerung an die fünfzig
jährige Gedenkfeier der ersten Lokomotiv-Wettfahrten bei Rainhill im Verein für Eisenbahn
kunde zu Berlin am 7. Oktober 1879. Berlin, Gedruckt bei Julius Sittenfeld, 1879- S. 5—6,
S- 11, S. 13—14, S. 17, S. 18, S- 16—17 und S. 22—23.
Das Endziel aller Zivilisation ist die Entlastung der geistigen Schaffenskraft des
Menschen von den Behinderungen durch seine Körperlichkeit.
Die große Erfindung, deren 50. Geburtsfest wir heute feiern, ist eines der
mächtigsten Werkzeuge zur Erreichung dieses letzten Ziels. Kaum heute noch aus ihren
Jugendjahren in die Zeit der Manneskraft hinübergetreten, hat sie schon eine fast
völlige Umgestaltung der Physiognomie der zivilisierten Welt vollzogen, indem sie
den trennenden Raum, das Haupthemmnis des Zusammenwirkens der Kräfte der
Menschheit, in vorher ungeahnter Weise zusammenschmelzen ließ.
Sie hat vor allen andern, selbst noch wichtigeren, den Glanz der ersten Er
scheinung, den dramatischen Effekt ihres Auftretens voraus.
Die vielleicht bedeutsamste Erfindung von allen, die der Magnetnadel, des Pfad
finders durch die Welt über und unter der Erde, ist in undurchdringliches Dunkel ge
hüllt; aus den Händen armer, deutscher Handwerker ging langsam und unscheinbar
die Buchdruckerkunst hervor; in stillen Gelehrtenzimmern, in für das Auge der
großen Menge verschlossenen Laboratorien und Werkstätten entwickelte sich, von
Volta und G a l v a n i an bis Morse und S i e m e ns die Telegraphie; im Ge
fängnisse Böttchers entstand die moderne Keramik; von den Erfindungen Ark-
wrights und Hargreaves erfuhr die Welt erst durch ihre Produkte, und
selbst die Dampfmaschine hatte, während eines halben Jahrhunderts, für Wohlfahrt
und Reichtum Englands gearbeitet, ehe der Ruhm James Watts die Aufmerk
samkeit der Menge auf sie hinlenkte.
*) v. Webers Festrede ist nach seinem Tode in wesentlich erweiterter und z. T. ver
änderter Gestalt unter dem Titel: Die „Eiserne Weihnacht" wiederabgedruckt worden in:
Vom rollenden Flügelrade. Skizzen und Bilder von Max Maria v. Weber.
Mit einer biographischen Einleitung von Max Iähns. Berlin, A. Hofmann & Comp., 1882.
S. 99—149 und Aus der Welt der Arbeit. Gesammelte Schriften von Max Maria
v. Weber. Herausgegeben von Maria o. Wildenbruch geb. v. Weber. Berlin, G. Grote, 1907.
S. 331—379. — G. M.