Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

5.  Die  Anfänge  des  Eisenbahnwesens  in  Deutschland.  549

enthält  einen  Artikel  von  seiner  Hand  über  die  „Eisenbahnen  (Railroads)",  welcher
über  die  englischen  Projekte  berichtet.  Die  Eisenbahnen  werden  manche  Revolution
in  der  Handelswelt  hervorbringen,  heißt  es  darin,  und  zum  Schlüsse:  „möge  auch  im
Vaterlande  bald  die  Zeit  kommen,  wo  der  Triumphwagen  des  Gewerbefleißes  mit
rauchenden  Kolossen  bespannt  ist  und  dem  Gemeinsinne  die  Wege  bahnet".*)  Im
Sommer  1826  wurde  in  Elberfeld  eine  kleine  Probebahn  aufgestellt.  Die  Folge  war
das  Projekt  einer  Kohleneisenbahn  von  Heisingen  an  der  Ruhr  nach  dem  Wuppertal.
Aber  es  erhob  sich  alsbald  Widerspruch,  weil  die  Kohlenfuhrleute  durch  Eisenbahnen
zu  sehr  geschädigt  werden  würden,  weil  ein  Ausfall  an  Chausseegeld  eintreten  würde  rc.
Mehrere  vermeinllich  gefährdete  Kohlengrubenbesitzer  remonstrierten  bei  der  Staatsregierung ­
  gegen  dieses  schädliche  Unternehmen,  noch  ehe  das  Gesuch  um  Konzession
eingereicht  war.  Dieses  wurde  dann  in  der  Tat  abschlägig  beschicken  (31.  Oktober
1826).  Dann  folgte  1827  Harkorts  Denkschrift  über  die  Vorteile  der  Eisenbahnanlage
für  den  Freiherrn  v.  Stein,  welcher  sich  der  Sache  warm  annahm.
Um  dieselbe  Zeit  ist  die  Denkschrift  des  Regierungsrats  Krüger  in  Minden  verfaßt, ­
  behufs  einer  Eisenbahn  von  der  Weser  zum  Rheine,  die  Preußen  von  Holland
unabhängig  und  Bremen  zum  Hauptseehafen  für  Rheinland-Westfalen  machen  sollte.
Sie  wurde  dem  Finanzminister  v.  M  o  tz  vorgelegt,  der  zuvor  bereits  die  Entsendung
von  zwei  jungen  Technikern  (1826/27)  nach  England  veranlaßt  hatte,  auch  durch  eine
Reise  von  Schinkel  und  Beuth  nach  England  (1826)  auf  die  Eisenbahnen  aufmerksam
geworden  war.  In  dem  Hauptverwaltungsbericht  für  die  Jahre  1825—1827  vom
30.  Mai  1828  an  den  König  empfiehlt  Motz  den  Bau  einer  Eisenbahn  von  Minden
nach  Lippstadt,  um  „eine  ganz  neue  Richtung  für  den  Verkehr  von  Bremen  nach  dem
westlichen  und  südlichen  Deutschland  innerhalb  der  eigenen  Grenzen  der  preußischen
Staaten  hervorzurufen".**)
Jetzt  entstanden  mehrere  Projekte.  Der  erste  wirkliche  Erfolg  war  die  aus
Harkots  Veranlassung  1828  gebildete  Aktiengesellschaft  Steele-Vohwinkel  für  Pferdebahnbetrieb, ­
  die  1830  vollendet  wurde  und  1831  von  dem  damaligen  Generalgouverneur ­
  der  Rheinlande,  Prinz  Wilhelm,  den  Namen  erhielt.  Die  Eröffnung  der  Liverpool-Manchester-Bahn
  gab  neuen  Antrieb.  Beim  Zusammentritt  des  3.  Westfälischen
Landtages  (Dezember  1830)  reichte  Harkort  einen  ausführlichen  Antrag  auf  Verbindung ­
  der  Weser  mit  der  Lippe  ein,  als  ständisches  Unternehmen  mit  staatlicher
Unterstützung  oder  auch  als  rein  staatliches  Unternehmen.  Der  Landtag  sprach  sich
dafür  aus  und  ernannte  eine  Deputation  zur  Ausführung  des  Planes.  Der  Landtagsabschied ­
  der  Regierung  erfolgte  erst  am  22.  Juli  1832  und  versprach  Vorarbeiten
für  den  Fall,  daß  „eine  Aktiengesellschaft  den  Bau  auf  Privatkosten  übernehme,  wozu
der  Staat  durch  Übernahme  von  Aktien  eine  angemessene  Beihilfe  gewähren  würde".
Mehr  könnte  nicht  zugesagt  werden,  „da  das  jetzige  Kommunikationsbedürfnis  durch
die  vorhandene  Chaussee  gesichert  sei,  die  künftige  kommerzielle  Wichtigkeit  der  Anlage
auf  unsicheren  Voraussetzungen  beruhe  rc."  Durch  die  Schrift  „Die  Eisenbahn  von
Minden  nach  Köln"  (Mürz  1833)  suchte  Harkort  auf  den  Gemeinsinn  der  Privaten
zu  wirken,  aber  mit  geringem  Erfolge.  Für  die  Teilstrecke  Kemnade—Elberfeld  gelang ­
  es,  die  Minister  des  Innern  und  der  Finanzen  zu  interessieren,  welche  Staats-*)

  Der  Artikel  Harkorts  ist  bei  Berger,  Der  alte  Harkort.  Ein  westfälisches
Lebens-  und  Zeitbild.  Volksausgabe.  Leipzig,  Julius  Baedeker,  1891.  S.  222—224  wiederabgedruckt. ­
  —  G.  M.

**)  Aus  dem  Jahre  1828  stammtauch  der  Ausspruch  Goethes:  „Mir  ist  nicht  bange,
daß  Deutschland  nicht  eins  werde;  unsere  guten  Chausseen  und  künftigen  Eisenbahnen  werden
schon  das  ihrige  tun."  Eckermann,  Gespräche  mit  Goethe  in  den  letzten  Jahren  seines
Lebens  (1823—1832.)  In  Auswahl  herausgegeben  von  Merian.  Berlin,  Fritz  Heyder,  [1911].
S.  143.  —  G.  M.
            
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