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V.
Die Krîcgswîrtschaftsrcchnung und ihre Grenzen.
(1916.)
1. Einleitung.
Der Weltkrieg begann, ehe die Kriegswirtschaftslehre i) dem Ganzen der
Wirtschaftswissenschaften eingefügt worden war. Während eine reiche Wirk
lichkeit erfaßt werden will, muß man die ersten Grundlagen dieses werdenden
Wissenszweiges erst schaffen, was um so schwieriger ist, als die neue
Wirtschaftsform unserer Tage auf die Begriffswelt der gesamten
Wirtschaftswissenschaften nicht ohne Einfluß bleibt. Die Gegenwart legt,
wie schon hervorgehoben wurde, eine stärkere theoretische und geschichtliche
Berücksichtigung der Naturalwirtschaft und Verwaltungswirtschaft nahe, vor
allem aber verlangt die Naturalrechnung 2) als praktische Forderung
des Tages in Anwendung auf Geld- und Naturalwirtschaft eine systematisch
ausgestaltete Berücksichtigung. Die Naturalrechnung muß sich nicht darauf
beschränken, Ausfuhr, Einfuhr, Erzeugung, Verbrauch und Vorratsbildung, so
wie die Produktivkräfte mengenmäßig zu erfassen, sie kann auch Aufbau und
Wirkungsweise der Kriegswirtschaft als Ursachen von Reichtumsveränderungen
betrachten. Tausende und Abertausende werden sich von den Vorteilen und
Nachteilen des Krieges ein Bild zu machen suchen. Kann es auch nicht
Sache der Wissenschaftler als solcher sein, in dem Kampfe der Parteien die
Bewertungen zu beeinflussen, welche den Beurteilungen zugrunde
liegen, so können doch die Tatbestände einer Kriegswirtschaftsrechnung,
sowie die Grenzen der rechnenden Betrachtungsweise streng
wissenschaftlich untersucht werden.
1) Ich konnte soeben feststellen, daß die Namen „Kriegswirtschaft“ und
„Kriegswirtschaftslehre“ schon vor einem Jahrhundert bestanden haben, dann
aber wieder vergessen wurden. Ein launiger Zufall wollte es, daß der Autor,
der damals das erste Buch über „Kriegswirtschaftslehre“ herausgab, ebenso
hieß wie jener Autor, welcher das erste deutsche Buch unter diesem Titel
jetzt veröffentlichte. Das 1819 in Erlangen erschienene Buch: „Lehrbuch der
Kriegswirtschaftslehre .... von C. M. Morin .... frei übersetzt, mit
einer Einleitung, berichtigenden Zusätzen und Anmerkungen versehen von
Ferdinand von Schmid“ beschäftigt sich vor allem mit der Heeres
ökonomie, doch werden insbesondere in den Darlegungen Schmids zahlreiche
kriegswirtschaftliche Fragen allgemeinerer Natur erörtert und auch einiges
wertvolle historische Material beigebracht. Ich gedenke, auf dieses bemer
kenswerte Werk an anderer Stelle zurückzukommen.
2) Otto Neurath, Die Naturalwirtschaftslehre und die Naturalrech
nung in ihren Beziehungen zur Kriegswirtschaftslehre (Weltwirtsch. Archiv
Bd. 8, Heft 2, S. 245). Es wäre wohl an der Zeit, eine Übersicht über natural
wirtschaftliche Vorkommnisse und Anschauungen systematisch zusammenzustel
len, Fälle, in denen die Bevölkerung gewisse Bedarfsartikel nur gegen Natural
lieferungen erhält ; Fälle, in denen Verwaltungsbeamte gewisse Erlaubnisse
nur gewähren, wenn die Ablieferung von Naturalien erfolgt ; Fälle, in denen
die Beistellung von Verpflegung und von anderen Naturalien eine Forderung
der Arbeiter ist ; Fälle, in denen im internationalen Verkehr Kompensationen
auf naturalwirtschaftlicher Basis durchgeführt werden.