Full text : Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft

138

Im  Laufe  der  Zeiten  wurde  immer  wieder  die  Frage  erörtert,  ob  bestimmte ­
  Kriege,  ob  Kriege  überhaupt  Staaten  reicher  machen.  Wenn  solche
Fragen  gestellt  werden,  will  man  in  letzter  Linie  erfahren,  wie  das  menschliche ­
  Glück  von  bestimmten  Ereignissen  und  Einrichtungen,  von  bestimmten
Organisationsformen  der  Gesellschaft  und  der  Menschheit  abhänge.  Mit  der
Beantwortung  solcher  Fragen  beschäftigen  sich  die  Wirtschaftswissenschaften, ­
  welche  den  Reichtum  ganzer  Völker,  einzelner
Menschengruppen  oder  Individuen  oder  der  ganzen
Menschheit  untersuchen,  wobei  der  Begriff  Reichtum  im
allgemeinsten  Sinne  verstanden  werden  kann,  indem  derselbe ­
  den  Genuß,  welchen  Nahrung,  Wohnung,  Kleidung
gewähren,  ebenso  berücksichtigt,  wie  den  Genuß,  welchen ­
  Familienglück,  Theaterbesuch  usw.  hervorrufen,
während  auf  der  anderen  Seite  das  Leid,  welches  aus
der  Arbeitsmühsal,  aus  Krankheiten  usw.  erwächst,  ebenfalls ­
  in  Rechnung  gestellt  wird.
Das  18.  Jahrhundert  hat  unbefangener  als  das  19.  die  Reichtumsrechnung ­
  in  den  Mittelpunkt  wissenschaftlicher  Erörterungen  gestellt.  Teleologie ­
  und  Unklarheiten  brachten  die  Reichtumsbetrachtungen  vielfach  in  Verruf ­
  3),  doch  begegnen  wir  immer  wieder  dem  Reichtum  der  Weltwirtschaft*), ­
  der  Volkswirtschaft,  der  Privatwirtschaft.  Wie  wir
den  Begriff  Reichtum  für  die  Kriegswirtschaftsrechnung  auch  abgrenzen,  in
letzter  Linie  hängt  er  mit  dem  menschlichen  Glück  zusammen,  das  sich  aus
Lust  und  Unlust®)  aufbaut,  die  wir  als  Sensationen®)  bezeichnen
wollen.  Sie  sind  uns  ebenso  gegeben  wie  Farben,  Töne,  Drucke  und  andere
Tatbestände  der  Welt.
Man  kann  die  Lustverteilung  innerhalb  einer  menschlichen  Gruppe
untersuchen,  die  Veränderungen  derselben,  und  schließlich  dort,  wo  es  möglich ­
  ist,  die  Gesamtlust  ins  Auge  fassen.  Diese  Berechnungsweise  kann
aus  einer  bestimmten  Auffassung  vom  Zusammenleben  der  Menschen  herrühren, ­
  die  man  als  atomistische  zu  bezeichnen  pflegt,  sie  kann  aber  auch
neben  einer  Staatsauffassung  bestehen,  die  alle  Vorgänge  als  untrennbare
Elemente  eines  ursprünglichen  Zusammenhanges  ansieht,  der  in  letzter  Linie
nur  als  Einheit  ausreichend  beschrieben  und  erfaßt  werden  könne.  Die  vorliegende ­
  Arbeit  geht  darauf  nicht  weiter  ein  ;  auch  darauf  nicht,  ob  diese  Berechnungsweise, ­
  welche  einem  utilitaristischen  Rationalismus  zum  Ausgangspunkt ­
  dienen  kann,  mit  irgendwelchen  Moralanschauungen  in  Übereinstimmung ­
  oder  Widerspruch  steht.’)  Ebensowenig  soll  die  Frage  erörtert  werden,
ob  die  Menschen  utilitaristisch-rationalistisch  handeln,  noch  soll  daraus,  daß
gewisse  Gebiete  der  rationalistischen  Berechnung  zugänglicher  sind  als  andere,
geschlossen  werden,  daß  sie  auch  nur  für  den  Rationalismus
wesentlicher  als  andere  wären.

3)  Auch  neuere  begriffliche  Erörterungen  über  den  Utilitarismus  leisten
für  unsere  Fragengruppe  nicht  allzuviel;  vergl.  z.  B.  Sidwigck,  Methods
cf  Ethics.  1875.
*)  Roscher  spricht  ebenso  wie  frühere  Autoren  vom  „Menschheit ­
  s  v  e  r  m  ö  g  e  n“  (Grundl.  d.  Nationalökon.  §  53).
®)  Vergl.  W.  St.  Jevons,  The  theory  of  political  economy,  Ed.  2,
London  1879,  S.  40:  '^Pleasure  and  pain  are  undoubtedly  the  ultimate  objects
ot  the  calculus  economics.”
®)  Vergl.  Otto  Neurath,  Probleme  der  Kriegswirtschaftslehre  (Ztschr.
f.  d.  ges.  Staatswiss.  1913,  S.  448  f.).
’)  Vergl.  Kant,  Kritik  der  praktischen  Vernunft  (Rosenkranz,  VIII,
S.  133):  „Die  Vernunft  bestimmt  in  einem  praktischen  Gesetz  unmittelbar  den
Willen,  nicht  vermittelst  eines  dazwischen  kommenden  Gefühls  der  Lust  und
Unlust“,  und  S.  146:  „So  wird  fremder  Wesen  Glückseligkeit  das  Objekt  des
Willens  eines  vernünftigen  Wesens  sein  können“;  S.  147:  „Das  gerade  Widerspiel ­
  des  Prinzips  der  Sittlichkeit  ist  :  wenn  das  der  eigenen  Glückseligkeit
zum  Bestimmungsgrunde  des  Willens  gemacht  wird.  .  .  .“
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.