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hin schon kennt ; so könnte man zur Einführung des Zwangskurses für Giro
geld kommen und schließlich zu Preistaxen schreiten, was übrigens gelegent
lich der letzten, durch die Kriegsgefahr verursachten Preissteigerungen der
Lebensmittel in Österreich bereits in Erwägung gezogen wurde. Es spricht
für das uneinlösliche Girogeld, daß die Wiederaufnahme der Barzahlung leicht
zu bewerkstelligen ist, da die Hoffnung besteht, viele Einleger, welche den
Vorteil der Giroeinrichtung in der Not kennen lernten, würden nun auch in
Friedenszeiten davon Gebrauch machen. Auch an das Zettelgeld hat man
sich in Frankreich, wo das Thesaurieren besonders auf dem Lande unglaub
liche Mengen beanspruchte, bekanntlich erst im Jahre 1870/71 gewöhnt. Wenn
sich das uneinlösliche Girogeld etwa ähnlich bewähren sollte, wie das un
einlösliche Bankpapiergeld, so wäre die Trennung von Binnengeld und Außen
geld wieder um einen Schritt weiter gekommen. Man könnte so die Metall
reserven für den Fall wirtschaftlicher Not und kriegerischer Verwicklungen
in den Zentralstellen konzentrieren. Freilich müßte eine geeignete Gesetz
gebung die Deckung des Girogeldes regeln, so wie z. B. die Deckung
des uneinlöslichen Bankpapiergeldes in Österreich-Ungarn geregelt hat. Auch
das Argument, die Einführung des uneinlöslichen Girogeldes würde eine große
Umwälzung bedeuten, was übrigens keineswegs der Fall ist, spräche nicht
gegen dasselbe, da ein großer mitteleuropäischer Krieg, zum
mindesten provisorisch, eine gewaltige Umwälzung der
Wirtschaftsordnung bedeuten würde, und zwar voraus
sichtlich in der Weise, daß manche Ideen des Staats
sozialismus verwirklicht würden. Die Staatsgewalt
würde wahrscheinlich mehrfach in entscheidender Weise
eingreif en, nicht nur, um den Nominalbedarf, sondern
vor allem, um den Realbedarf zu decken.
Das uneinlösliche Girogeld wäre das normale Zahlungsmittel im Kriegs
fall, was den Vorschlägen jener entgegenkommt, welche ganz allgemein mit
einer Erweiterung des Girowesens rechnen. Auszahlungen in Gold hätten
nur in zwei Fällen zu erfolgen : an Mitglieder der kämpfenden
Armee und ans Ausland. Geldzahlungen aus dem Ausland an In
länder wären als Giroguthaben zu buchen.
Käme der Staat in äußerste Not, so könnte er die Metallreserven antasten,
das Girogeld wäre dann ungenügend gedeckt, entsprechend dem ungenügend
gedeckten Papiergeld, das man so oft mit Erfolg verwendet hat. Daß manche
Nachteile der Papiergeldemission beim Girogeld wegfallen würden, liegt auf
der Hand. Der Auslandkredit kann, wenn die sonstigen Verhältnisse günstig
sind, durch das Vorhandensein eines Gesetzes wachsen, das die Regierung zur
Schaffung uneinlöslichen Girogeldes ermächtigt. Man kann dann sicher damit
rechnen, daß alles verfügbare Gold dem Auslande zur Verfügung gestellt wird
und nicht ins Publikum fließt, um in Strümpfen und Kasten versteckt zu
werden. Bei wirtschaftlichen Krisen ist häufig nicht die im Inland zirkulie
rende Goldmenge, noch weniger die von den Einzelnen thesaurierte Goldmenge
für den Auslandkredit entscheidend, ausschlaggebend sind die Reserven,
welche jederzeit flüssig sind.
Es ist möglich, daß das uneinlösliche Girogeld, das bei man
chen Banken des 17. Jahrhunderts bestanden hat, bald ebenso zum Handwerks
zeug der Währungspolitiker gehören wird, wie heute das uneinlösliche Staats
oder Bankpapiergeld. Es wäre zweckmäßig, die Eigenschaften dieses Giro
geldes zu untersuchen, ehe es einmal irgendwo im Falle der Not eingeführt
wird ; denn es ist der Wissenschaft angemessen, der Praxis vorauszugehen,
und nicht erst dann zu erscheinen, wenn das Unglück schon geschehen ist,
um es dann wissenschaftlich zu beschreiben und vielleicht nachträgliche Heil
mittel zu erfinden.