141
wert, als der Grundgedanke dieser Darstellung, eine allgemeine
Grundlage jedweder Naturalrechnung zu erlangen,
die sich ebenso ungezwungen auf naturalwirtschaftliche, wie auf geldwirtschaftliche
Vorgänge anwenden läßt, nicht darunter leidet.
Daß die unmittelbare Erhebung der Lust- und Unlustdaten in genügender
Vollständigkeit gegenwärtig aussichtslos erscheint, sei es, daß wir dieselben
zur Feststellung der Sensationenverteilung, sei es, daß wir sie zur Berechnung
des Gesamtreichtums benötigen, ist genügend hervorgehoben worden. Wir
vermögen ja noch nicht einmal in eng begrenzten Fällen für experimentelle
Zwecke Behagen und Schmerz eindeutig zu bezeichnen und zu beschreiben.
Wohl aber kann man in erheblichem Ausmaß die Bedingungen
der Lust und Unlust erfassen oder mindestens Anzeiger ihrer Änderungsrichtung
beschreiben. Die Lust- und Unluständerungen hängen im wesentlichen
von zwei Gruppen von Bedingungen ab ; die eine Gruppe umfaßt die Fähigkeiten
des Individuums, Lust und Unlust zu empfinden, die
andere Gruppe die „Reize“, welche Lust und Unlust hervorrufen.
Daß ein Mensch in einer Berufsart mehr zu essen bekommt, als in einer
anderen, ist leicht feststellbar, schwieriger fällt es dagegen, zu erheben, wie
weit die Fähigkeiten, Lust und Unlust zu empfinden, durch verschiedene Umstände
beeinflußt werden. Insbesondere gilt dies, wenn verschiedene Perioden
und verschiedene geographische Gebiete miteinander verglichen werden sollen.
Eine Arbeitsleistung, die in einer Gegend bereits erhebliche Unlust erweckt,
mag in einer anderen kaum empfunden werden. Diese Umstände bereiten der
Beurteilung des Lebensstandards auf Grund von Haushaltungsrechnungen große
Schwierigkeiten. Wenn man z. B. feststellen würde, daß eine bestimmte Arbeiterkategorie
mit ihren Geldeinkommen heute dieselben Güter kaufen kann wie
vor fünfzig Jahren, würde man sagen können, daß die Sensationengesamtheit
die gleiche geblieben ist? Selbst wenn man ganz davon absieht, daß die relative
Stellung dieser Arbeitergruppe zu anderen Arbeitergruppen verschoben
erscheint, dürfte heute die unmittelbare Lust- und Unlustempfindung sich
erheblich von der damaligen unterscheiden. Eine Lebensweise, die damals als
angenehm galt, kann heute vielleicht schon als unerträglich empfunden werden,
oder umgekehrt. Wenn man derlei auch nicht genau erfassen kann, so muß
man darauf bei der Erläuterung von Daten um so mehr Rücksicht nehmen.
Im allgemeinen kann man mit einiger Sicherheit sagen, daß in einer bestimmten
Gegend diejenigen, welchen mehr Brot, mehr Fleisch usw. zur Verfügung
steht, sich wohler fühlen als diejenigen, welchen davon weniger zur
Verfügung steht. Es fehlt freilich wieder jede Berechnungsgrundlage, wenn
etwa der Brotkonsum bei einer Gruppe größer ist, dafür aber der Fleischkonsum
geringer. Weder die Berücksichtigung der Qewichtsmengen, noch jene
der Kalorien, noch andere Hilfsmittel führen uns zu einem brauchbaren Ergebnis.
Die Kleidernutzung, die Büchernutzung, welche mit dem Konsum von Brot,
Zucker usw. auf eine Stufe zu stellen wäre, läßt sich nicht in gleicher Weise
feststellen. Wir müssen uns eben an die Nutzungsquellen halten und erheben,
wieviel Bücher, Kleider, Wohnraum usw. dem Einzelnen zur Verfügung stehen.
Es sind dies ja Daten, die umfassendere Haushaltungsbeschreibungen ohnedies
zu erfassen suchen. In ähnlicher Weise müßte man aber auch den Theaterbesuch,
Vergnügungsreisen usw. und als Ursachen der Unlust die Arbeitszeit,
Krankheiten usw. feststellen. Durch entsprechende Anwendung des Taylorsystems,
das freilich zu ganz anderen Zwecken erdacht wurde, könnte man
Daten darüber erhalten, wie viele Menschen bis zur Übermüdung arbeiten, wie
viele unter ihrer Intelligenz beschäftigt sind und derlei mehr. Der Zusammenhang
zwischen den einzelnen Daten und der Lust und Unlust mag dabei freilich
nicht immer gleichartig sein. Gerade solche ungemein konkreten Untersuchungen
leisten, wie wir zu zeigen versuchten, abstraktesten Forderungen Genüge. Bisher
hat man Haushaltungsrechnungen von dieser Seite her in der Theorie viel zu
wenig Aufmerksamkeit geschenkt ; vor allen Dingen sie auch zu wenig dazu
verwendet, um in Verbindung mit anderen Daten sie zur Schaffung einer