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VI.
Kriegswirtschaft, VerwaltungsWirtschaft,
Naturalwirtschaft.
(1917.)
Wir alle fühlen, daß wir große Veränderungen unserer Lebensordnung
erleben, dennoch fällt es schwer, anzugeben, worin diese Wandlungen eigentlich
bestehen, und sie zu großen Gruppen zusammensufassen. Wir vermögen
nur jene Tatbestände festzuhalten, die wir begrifflich zu erfassen vermögen.
Es ist daher eine unabweisbare Notwendigkeit, solche Begriffe als Handwerkzeuge
zu schaffen, die zur Bearbeitung der gegenwärtigen Wirklichkeit geeignet
sind. Während des letzten Weltkrieges, der vor ungefähr einem Jahrhundert
die Welt erschütterte, wurde dies versäumt. Die Revolutionskriege
hatten ebenso wie die Kriege Napoleons die meisten jener Einrichtungen und
Maßnahmen, wenn auch in geringerem Umfang, gezeitigt, welche wir in den
eben verflossenen Kriegsjahren als Neuerungen einzuführen glaubten. Das
Fehlen eines entsprechenden begrifflichen Gefäßes war eine wesentliche Ursache,
weshalb wir aus jenen bedeutsamen Tatsachen so wenig an Erkenntnis
für den bevorstehenden Weltkrieg geschöpft hatten. Auch damals hatte man
Rationierung, Produktionszwang, Zentralisation der Verteilung und vieles andere
gekannt und viele der schweren Erfahrungen gesammelt, welche uns jetzt
bei den ersten Versuchen nicht erspart blieben. Die Theorie der napoleonischen
Epoche und der Folgezeit war aber im allgemeinen auf verkehrswirtschaftliche
Erwägungen beschränkt, sChob durchweg die Geldrechnung in den Vordergrund,
statt die Dinge unmittelbar zu erfassen, und erschwerte durch Anwendung
derselben auf die Wirtschaftlichkeitsbetrachtung die Verarbeitung
jener Erscheinungen. Es ergibt sich für uns, um diesen Fehler zu vermeiden,
die drängende wissenschaftliche Aufgabe, eine den heutigen Ereignissen angemessene
Begriffswelt zu schaffen, ganz gleich, ob man diese Ereignisse für
Vorläufer kommender Dinge oder für Teilerscheinungen eines flüchtigen Zwischenspiels
der Weltgeschichte hält.
Die Verkehrswirtschaft beherrschte das Denken der Menschen
durch ein Jahrhundert; auch solche, welche diese Lebensordnung bekämpften,
bedienten sich ihrer Begriffe. So kam es, daß für die Kriegswirtschaftslehre
kein Platz im Rahmen der überlieferten Wirtschaftstheorie
war, weil diese die in Kriegszeiten besonders häufige organisierte Regelung
von Erzeugung, Verbrauch, Vorratsbildung usw. zu erörtern nicht gewohnt
war. Als daher zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Kriegswirtschaftslehre
als Forderung aufgestellt wurde, war damit zugleich das Programm für eine
weitere Ausgestaltung der Wirtschaftstheorie gegeben. In einer vollständigen
Wirtschaftslehre müßten sich ja alle Erscheinungen der Kriegszeit als Spezialfälle
vorfinden. Solange das freilich nicht der Fall war, mußte die Kriegswirtschaftslehre
diese Lücken, so gut es ging, auf eigene Faust auszufüllen
suchen.
Wenn wir nun die Ansicht aussprechen, daß die Erfahrungen dieses
Krieges für die Erkenntnis unverloren bleiben werden, so stützen wir dieselbe
vor allem auf die Tatsache, daß die Einrichtungen der gegenwärtigen
Kriegswirtschaft weit tiefer in das Leben eingegriffen haben, als jene der
napoleonischen Epoche, vor allem aber auch darauf, daß eine zunehmende
Zahl von Männern in der gegenwärtigen Lebensordnung etwas Bedeutsames
erblickt und dementsprechend ihr gedankliche Aufmerksamkeit zulo*