164
selbst wieder auf sehr verschiedene Ursachen zurückgeht, zum Teil darauf*,
daß der Krieg zahlreiche technische Hilfsmittel, insbesondere Verkehrsmittel
schuf, welche später weiten Kreisen zur Verfügung stehen werden (Automobile,.
Seilbahnen usw.), ebenso Fabriksanlagen zur Herstellung technischer Hilfsmittel,
zum Teil aber darauf, daß er die technischen Kenntnisse weit verbreitete
und die technischen Bedürfnisse erhöhte ; haben doch viele Bauern
jetzt zum ersten Male die Vorteile der Technik kennen gelernt.
Was aber die Sorge vor Überschuß an Arbeitskräften anlangt, die mit
dem Hinweis auf den Rohstoffmangel sofort nach Friedensschluß begründet
wird, so muß darauf hingewiesen werden, daß man die Möglichkeit hat, Arbeiten
ausführen zu lassen, welche wenig fremde Rohstoffe benötigen, wie
Kanalbauten, Wiederherstellungsarbeiten usw.
Die Ausgestaltung der Verbände dürfte zu einer weitgehenden Ausschaltung
des Zwischenhandels führen, dessen ursprüngliche Funktion,
Produzenten und Konsumenten aufzuspüren und miteinander zu verbinden,
schon seit langem wesentlich verringert war. Während des Krieges begann
man allgemein den Vorwurf zu erheben, es werde Kettenhandel getrieben,
d. h., eine überflüssige Zwischenstufe zwischen Produzenten und Konsumenten
eingeschoben. Und nun murrt man in weiten Kreisen darüber, daß überflüssige
Geschäftsleute von der Gesamtheit erhalten werden müßten. Man hört nicht
mehr das alte Schlagwort, daß die Konkurrenz die Ware verbillige, sondern
das neue, je mehr Geschäftsleute neben- oder hintereinander am Absatz eines
Artikels beteiligt seien, desto teurer würde er verkauft. Man weist darauf hin,
wie Haus neben Haus Geschäftsleute der gleichen Branche ihre Waren abgeben,
wie der Käufer die Wohnungsmiete und den standesgemäßen Unterhalt
jedes dieser Verkäufer zahlen muß, obgleich ein Bruchteil der so beschäftigten
Personen ausreichen würde, die Verteilung zu ermöglichen. Die Übergangswirtschaft
vermag nun die Überführung solcher überflüssiger Zwischenhändler
in wirtschaftlich bedeutsamere Tätigkeiten reibungsloser als die Verkehrswirtschaft
durchzuführen, welche dies oft nur durch Vernichtung zahlloser Existenzen
konnte. Es ist charakteristisch, daß gerade viele Handelshochschullehrer für den
„sozialen Handel“ eintreten, für einen Handel, der eigentlich mehr ein Verteilungsapparat
ist. Daß aber der Handel dazu in erheblichem Ausmaß
ausgestaltet werden dürfte, dafür sprechen gar viele Anzeichen.
Die Verwaltungswirtschaft, wie sie der Krieg zum Teil bereits durchgesetzt
hat, wie sie die Übergangswirtschaft noch weiter ausbauen dürfte, ermöglicht
aber noch viel weiter gehende Eingriffe. Sie kann ohne übermäßige Umwälzungen
einen wesentlichen Einfluß auf die Naturaleinkommen Aller ausüben.
Die vom Einzelnen konsumierten Naturalien im weitesten Umfang, ob er sie
nun gekauft hat oder nicht, wollen wir als Naturaleinkommen bezeichnen.
Bisher fehlte in der geldwirtschaftlich orientierten wirtschaftswissenschaftlichen
Begriffswelt dafür ein eigener Name. Man kannte nur ein Realeinkommen als
den Inbegriff der Dinge, welche man für sein Geldeinkommen kaufte, und ein
Naturaleinkommen als den Inbegriff der Dinge, welche man konsumierte, ohne
sie für Geld gekauft zu haben. Die Schichtung der Naturaleinkommen kann
in der freien Verkehrswirtschaft nur unter grundsätzlichen Veränderungen der
ganzen Struktur einer Gesellschaft verändert werden. Die Verwaltungswirtschaft
kann dies durch allgemeine Anwendung der Preisstaffelung nach dem
Einkommen tun, wenn sie nämlich die Verfügung trifft, daß die Käufer mit
niedrigerem Einkornmen für dieselbe Ware einen niedrigeren Preis zahlen, als
Käufer mit einem höheren Einkommen. Diese Preisstaffelung hat nun im Kriege
in vielen Städten erhebliche Anwendung gefunden, auch wurde schon auf genossenschaftlicher
Basis gelegentlich eine Staffelung der Mieten nach Kinderzahl
und Einkommen versucht. Die Preisstaffelung hat den Vorteil großer
Elastizität ; man kann weitgehende Veränderungen der Naturaleinkommen durchführen,
ohne daß die Geldgewinne der Verkäufer sich ändern müßten. In
Friedenszeiten wurde gelegentlich die Preisstaffelung von Unternehmern auch
angewendet, um ihren Reingewinn zu erhöhen, jetzt hat sie vor allem einkommenspolitische
Bedeutung. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß das Prinzip
der Preisstaffelung sich noch weiter verbreiten wird, insbesondere auch