Full text: Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft

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Volk ausreichend befriedigt ist, nun wesentlich abge 
schwächt sein dürfte. Man wird vielleicht daran gehen, das eigene 
Land zu beglücken, ehe man sich bemüht, ferne Völker mit den von ihnen zu 
nächst verschmähten Geschenken der Kultur auszustatten. 
Wir sahen, wie die Einschränkung der Geldmacht, das Vordringen der 
Naturalwirtschaft überall sichtbar wird. Wenn dennoch diesen naturalwirt- 
schahlichen Strömungen so wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird, hängt dies 
wesentlich damit zusammen, daß die Wirtschaftswissenschaften, welche die 
allgemeine Meinung beeinflussen, die Naturalwirtschaft fast völlig vernach 
lässigten. Die theoretische Nationalökonomie hatte für verwaltungswirtschaft 
lich organisierte Naturalwirtschaften wenig Interesse, weil die zahlreichen an 
regenden Fragestellungen des freien Tauschverkehrs in ihnen fehlen. Wenn 
auch gelegentlich geldlose Betrachtungen angestellt wurden, so waren sie fast 
ausschließlich im Hinblick auf eine geldwirtschaftliche Verwendung oder zu 
mindest tauschwirtschaftlich orientiert und fast immer von dem Wunsche ge 
leitet, Einheiten der Wertschätzung einzuführen. Dazu kam noch die all 
gemeine Anschauung, daß geldlose Wirtschaftsformen nur primitiven Zeit 
altern angehören. Man unterließ es aber, den Nachweis zu führen, daß na 
turalwirtschaftliche Einrichtungen grundsätzlich den geldwirtschaftlichen unter 
legen sein müßten. Aus dieser Geistesverfassung heraus erklärt sich die fast 
völlige Vernachlässigung historisch überlieferter hochentwickelter naturalwirt 
schaftlicher Einrichtungen. So wurde Preisigkes Darstellung des ägyptischen 
Korngiroverkehrs volkswirtschaftlich so gut wie gar nicht gewürdigt. Sobald 
man einmal, was in absehbarer Zeit zu erwarten ist, die Naturalwirtschaften 
zu studieren beginnen wird, dürften sich reiche Quellen für den Forscher er 
öffnen, welche bisher regelmäßig übersehen wurden. Vereinzelte Notizen werden 
sich zu einem Bilde fügen und man wird zu einer Geschichte der N a - 
turalwirtschaft gelangen, welche die nie ganz verschwundenen natural 
wirtschaftlichen Neigungen und Einrichtungen entsprechend zu würdigen vermag. 
Was bisher als zufällige Ausnahme erschien, wird an einen bedeutsamen Platz 
gerückt werden. Die Naturalwirtschaft wird dann als Organisation früherer 
Zeiten erscheinen, sie wird aber auch als das Ende umfassender Organisations 
bestrebungen auftreten. Die Geldwirtschaft dagegen wird sich als ein Zwischen- 
stadium erweisen, da sie grundsätzlich nicht imstande ist, sich derart vollkommen 
durchzuorganisieren wie die Naturalwirtschaft. 
Gedanklich ist die Naturalwirtschaft durch die große Ausdehnung, welche 
die Heereswirtschaft während des Krieges erfahren hat, sehr gefördert 
worden, ln ihr sieht man das Bild einer Großnaturalwirtschaft. 
Und wenn auch die zukünftige Entwicklung kaum die Bahnen der Heereswirt 
schaft einschlagen dürfte, so liefert sie doch ein nicht unwichtiges Modielll 
Die Veränderung der Geldordnung und die teilweise Überführung in plan 
mäßige Verwaltungswirtschaft mit mehr oder weniger ausgesprochen natural 
wirtschaftlichem Charakter bedeutet seelisch eine wesentlich geringere Wand 
lung, als etwa die Aufhebung der Leibeigenschaft oder ähnliche Reformen. Das 
Geld ist zwar mit durchaus konservativen Zügen durchsetzt und zum Teil nur 
aus der Tradition verständlich, aber dennoch stark rationalistisch gestaltet, 
so daß eine rationalistisches Denken befriedigende Neugestaltung in diesem 
bisherigen seelischen Rahmen verbleibt. 
Es wird freilich noch einige Zeit dauern, bis man allgemein einsieht, daß 
eine Wirtschaftsordnung denkbar ist, in welcher Produktion und Verteilung 
ohne Zugrundelegung eines einheitlichen Maßes, weder des bisherigen 
Geldes, noch eines Arbeitsgeldes, noch sonst einer ähnlichen Einrichtung, ge 
regelt werden. Die Produktionszweige würden gleichartige Mengen von Brot, 
Kleidung, Wohnung usw., liefern, während die Einkommen der Einzelnen sich 
aus Wohnung, Kleidung, Nahrung usw. zusammensetzen. Die Naturaleinkommen 
könnten in Typen gruppiert werden, welche durch bestimmte Mengen und 
Qualitäten von Nahrung, Wohnung, Kleidung usw. charakterisiert erscheinen. 
Diese Möglichkeit muß deshalb betont werden, weil selbst radikale Reformer 
noch jene Tradition des Individualismus und Atomismus festhalten wollen.
	        
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