Full text: Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft

7 
geben könnte. Derartiges ist aber selbst auf weniger kom 
plizierten Gebieten des Wirtschaftslebens nur selten ge 
lungen und wurde bis jetzt auch nicht allzuoft angestrebt. 
Da der gesamte Zustand in einem bestimmten Zeitpunkt Ursache des gesamten 
Zustandes in einem folgenden Zeitpunkt ist, müßte man, um die gleichzeitigen 
Veränderungen überblicken zu können, zur symbolischen Anschreibeweise schreiten, 
welche solche Komplexe in Formeln zusammenfaßt; auch tabellarische Über 
sichten könnten einen gewissen Einblick gewähren. Man könnte z. B. die 
Realeinkommen der einzelnen Menschengruppen nebeneinander stellen 
und ebenso wie die Verschiebung der Güter die der Geldstücke, der Forde 
rungen usw. verfolgen. Da derartige Darstellungsformen aber noch nicht ge 
nügend ausgebildet sind, muß man sich zunächst der herkömmlichen Beschrei 
bungsmethode bedienen, die Stücke des Komplexes herausgreift und sie hinter 
einander betrachtet. Dabei geschieht es freilich leicht, daß man Größen als 
unveränderlich ansieht, die während der Veränderung der Größe, die wir eben 
ins Auge fassen, gleichfalls Veränderungen erleiden. Auch muß man öfter 
vorgreifen und Beziehungen verwerten, die man erst später eingehender be 
sprechen kann. Im folgenden wird nicht der Versuch gemacht, den Komplex 
der Kriegswirtschaft als Ganzes darzustellen ; nur die einschlägigen Probleme 
sollen skizziert werden, um den Rahmen anzudeuten, innerhalb dessen sich eine 
systematische Darstellung zu bewegen hätte. 
Die Tatsache, daß die Nationalökonomen bisher den Krieg in ihren Systemen 
so wenig gewürdigt haben und auch die Zahl der Einzeluntersuchungen keines 
wegs der Wichtigkeit des Gegenstandes entspricht, hängt damit zusammen, 
daß noch immer der Einfluß der englischen Freihändler sehr groß ist, die vielfach 
die Möglichkeit bestritten, der Krieg könne ein Volk reicher machen, und diel 
in ihm lediglich eine Störung des Wirtschaftsverkehrs erblickten. Diese Stel 
lungnahme läßt sich zum Teil aus den zeitgenössischen Wirtschaftsverhältnissen 
erklären. Für die Auffassung vom Kriege waren dieselben überhaupt immer 
von der größten Bedeutung. Bei den Griechen und Römern z. B. wurde 
der Krieg von vielen Autoren ohne weiteres als eine der Erwerbsarteni 
behandelt. So nennt ihn Aristoteles eine Art Jagd.^) Wenn sich die 
Tiere und jene Menschen, die seiner Ansicht nach von Natur aus zum Dienen 
bestimmt seien, nicht freiwillig fügten, müsse man sie eben mit Gewalt zwingen. 
Der Krieg ist ihm eine natürliche Erwerbsart, wie der Ackerbau, der Raub,^) 
der Fischfang, während er das Leihen gegen Zins und den Handel zu den 
unnatürlichen rechnete. Besonders Völker auf einer niedrigen Kultur 
stufe haben über den Krieg nie anders gedacht.^) ,,Bei sehr vielen Stämmen 
finden wir, daß die Jagd genossenschaftlich von mehreren ausgeübt wird und 
daß in ähnlicher Weise die Viehraubzüge organisiert sind. Ebenbürtig neben 
die genossenschaftlichen Kriegs- und Raubzüge trat aber früh die friedliche, 
gemeinsame Arbeit.“ Wir treffen in der Geschichte häufig auf Nomaden 
stämme, die sich auf einer nicht allzu hohen Kulturstufe befinden und nun 
erobernd und raubend in das Gebiet friedlicher Ackerbauer einfallen. Nicht 
selten unterwerfen sie sich diese dauernd, die nun zu Knechten der siegreichen 
5) Aristoteles, Politik, Edit. Susemihl I, 3, 5 und 8. 
«) Wenn Raub, Diebstahl, Schmuggel von den Nationalökonomen nicht 
erwähnt zu werden pflegen, wohl aber Ackerbau, Handwerk, Börsenspiel, so ge 
schieht dies teilweise deshalb, weil man stillschweigend die rechtlich erlaubtejn 
Güterverschiebungen bevorzugt. Vom Standpunkt der Nationalökonomie ist es 
aber gleichgültig, ob eine Handlung erlaubt ist oder nicht. Vgl. Ad. Wagner, 
Grundlagen der Volkswirtschaft. 3. Aufl. 1. S. 295. F. Listz. B. vergißt auch 
in seinem Nationalen System der politischen Ökonomie. 6. Aufl., S. 11, an den 
Raub. Über Räuberstämme im Altertum s. Diodor, III, 49 und V, 34. über 
staatlich organisierte Piraterie Mommsen, Röm. Gesch. 5. .\ufl. III, S. 40. 
7) Vgl. G. Schmoll er: Die geschichtliche Entwicklung der Unterneh 
mungen. Jahrb. f. Gesetzgeb., Verwalt, u. Volkswirtsch. i. D. Reiche. 1890, 
S. 745 und 748.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.