Full text: Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft

Krieger werden. Es entstehen so Staatswesen, die häufig eine höhere Kultur 
aufweisen als jene war, welche jedes Volk für sich allein besessen hatte. Manche 
Autoren gehen sogar so weit, alle Staaten auf diese Weise entstehen zu lassen.*) 
Die Araber z. B., die ein solches Nomadenvolk waren, kannten keine strenge 
Scheidung zwischen religiöser, militärischer und bürgerlicher Organisation,^) 
und sahen den Krieg als Hauptbeschäftigung des freien Mannes an. „Der 
Unterhalt meiner Gemeinde“, soll Mohammed gesagt haben, „beruht auf den 
Hufen ihrer Rosse und den Spitzen ihrer Lanzen, solange sie nicht den Acker 
bestellen; wenn sie aber anfangen, das zu tun, so werden sie wie die übrigen 
Menschen.“!*) Die Anschauung vom Krieg als Erwerbsmittel wurde in der 
Antike von vielen Denkern dahin erweitert, daß das Streben nach Reichtum 
die Ursache aller Kriege und Revolutionen sei,“) eine Lehre, die 
auch heute vielfach, besonders unter dem Einfluß der materialistischen Ge 
schichtsauffassung, vertreten wird. Wenn ein Bauernvolk, wie die Römer der 
frühen Republik, Kriege führt, ist es zunächst darauf bedacht, nicht zu viel Zeit 
zu verlieren, die man für die Bestellung der Felder notwendig braucht, ist doch 
jeder Bauer in diesen Zeiten zugleich Soldat. Vom kurzen Kriegszug heimgekehrt, 
greift er wieder zum Pflug. Abgesehen davon, daß Beute gemacht und Land 
erobert wird, verändert sich durch so einen Kriegszug nicht viel im Wirtschafts 
getriebe der Sieger, für die Besiegten kann er zuweilen den Untergang bedeuten. 
Schwieriger wird die Sachlage gewöhnlich erst dann, wenn die ursprünglidi 
engen Grenzen des Staatsgebietes überschritten werden, und bei dem Versuch, 
fremde Stämme dem eigenen anzugliedern, in größerem Stil operiert wird. 
Je länger der Bauer vom Hause fernbleiben muß, desto empfindlicher wird die 
Wirtschaft geschädigt, um so schärfer tritt der Unterschied zwischen dem reichen 
Bauern hervor, dessen Knechte das Feld weiter bestellen können, und dem armen 
Bauern, dessen Betrieb nur notdürftig fortgeführt wird. Und ziehen die Heere 
gar in weite Fernen, so kann der mäßig begüterte Krieger bei der Rückkehr ge 
nötigt sein, Geld bei dem reichen Nachbar aufzunehmen und sich so in wirt 
schaftliche Abhängigkeit von ihm zu bringen. 
Die Vermögensverteilung wurde auch dadurch verändert, daß die 
Reichen eher als die Armen in der Lage waren, Land in Besitz zu nehmen, das 
sie imit ihren Sklaven bebauen konnten. Zur Zeit der Gracchen !-) versuchte 
man, dies Land wenigstens zum Teil wieder unter die gesamte Bevölkerung 
zu verteilen, wie denn überhaupt die Politik, Land dem Volke anzuweisen, das 
ganze Altertum hindurch geübt wurde. Man nahm dem besiegten Feinde oft das 
ganze Gebiet oder wenigstens einen Teil desselben weg und verteilte es 
unter die Soldaten, eventuell auch unter jene Bürger, die nicht Soldaten waren. 
Das Herrschaftsgebiet wurde so erweitert, das eigene Volk bereichert, und 
verhindert, daß die Soldaten, wenn es Söldner waren, sich nach dem Kriege 
als Räuber über das friedliche Land ergossen !*) oder sofort zum Gegner über 
gingen. Als man in Rom, ebenso wie in Griechenland, nicht mehr einzig mit 
Hilfe der Bauern Kriege führen konnte, ging man zum Söldnerwesen über, das 
besonders in der hellenistischen Epoche blühte.^) Die nötigen Truppen wurden 
auf eigenen Söldnermärkten aitgeworben. Soweit die Söldnerheere tatsächlich 
vorhandene Überbevölkerung aufnahmen, erleichterten sie den Arbeitsmarkt nicht 
unwesentlich. Es kam aber nicht selten vor, daß durch das Söldnerwesen weite 
Strecken fast entvölkert wurden, namentlich dann, wenn die Bevölkerung ohnehin 
schon in Friedenszeiten abnahm.!’’) 
*) F. Oppenheimer, Der Staat. Frankfurt. S. 30ff. 
9) J. W e 11 hau s en. Das arabische Reich und sein Sturz. Berlin 1902, S. 6 ff. 
!*) J. W e 11 h auncn, a. a. O. S. 19. 
!!) G. A. Gerhard, Phoinix von Kolophon. Leipzig 1909, S. 15. Vgl. 
O. Neurath, Antike Wirtschaftsgeschichte. Leipzig 1909, S. 56 und 98. 
!9) Vgl. Plutarch und Appian. 
!*) Vgl. z. B. Diodor, XVII, 111. 
!^) Vgl. Polybius, V, 63. 
!ö) Vgl. Polybius, XXXVII, 4.
	        
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