Full text : Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft

14*

211

stand  zu  beseitigen.  Vor  allem  würden  aber  die  staatlichen  Stellen  die  maßgebende ­
  Willensbildung  auf  dem  Gebiete  der  Produktion  und  des  Verbrauchs
in  der  Hand  haben.
Dieses  Vorgehen  würde  den  großen  Vorteil  gewähren,  daß  ein  ausgebildeter ­
  gesellschaftstechnischer  Apparat  zur  Verfügung  stünde
und  eine  große  Zahl  fähiger  und  entsprechend  vorgebildeter  Köpfe
verwendet  werden  könnte,  deren  Mitarbeit  die  Wirtschaftlichkeit  der  Sozialisierung ­
  wesentlich  erhöhte.  Die  Schwierigkeiten,  welche  sich  einem  solchen
Plan  entgegenstellen,  sind  vorwiegend  politischer  Natur.  Auf  der  einen
Seite  mißtrauen  sozialdemokratische  Kreise  den  Unternehmern  und  den  mit
gesellschaftlich  oder  gemütsmäßig  verbundenen  Kreisen  aufs  äußerste.
Sie  ubergeben  den  Unternehmern  nicht  gern  weitgehende  Machtbefugnisse,
mag  dies  auch  durch  deren  Fachkenntnis  geredhtf^igt  scheinen,  wen  jede
Macht  leicht  auch  politisch  verwendet  werden  kann.  Auf  der  andern  Seite  ist
die  Zahl  der  Unternehmer  und  ihrer  Anhänger  zunächst  gering,  welche  die
Sozialisierung  auf  alle  Fälle  für  unabwendbar  ansehen  und  ernstlich  daran  denken,
innerhalb  der  neuen  Ordnung  die  Produktion  und  Verteilung  in  veränderter
Stellung  mit  zu  leiten.  Gar  viele  von  ihnen  sind  zu  äußerstem  Widerstand
entschlossen  und  wollen,  wie  gewisse  politische  Konservative,  mit  fliegenden
Fahnen  untergehen.  Zum  Teil  ist  dies  Verhalten  durch  die  Sorge  begründet,
die  Sozialisierung  werde  eine  Vernichtung  ihrer  Existenz  bedeuten,  zum  Teil
durch  die  Annahme,  es  sei  doch  noch  möglich,  die  Sozialisierung  endgültig
abzuwehren  und  eine  Wiederkehr  der  überlieferten  Zustände  herbeizuführen.
Auch  gibt  es  nicht  wenige,  welche  davon  überzeugt  sind,  eine  sozialisierte  Ordnung ­
  werde  noch  unwirtschaftlicher  sein  als  eine  nichtsozialisierte.
Die  Sozialisierung  ist  dort  am  leichtesten  möglich,  wo  die  Durch  organisation ­
  und  Zentralisation  der  Wirtschaft  besonders  weit  fortgeschritten ­
  ist;  die  planmäßige  Verwaltung  aller  Kräfte  liegt  dort  am  nächsten,
wo  die  Not  zu  weitgehendster  Sparsanikeit  drängt.  Ein  Volk,  welches,
wie  das  deutsche,  weitgehend  organisiert  und  überdies
in  Not  ist,  wird  daher  der  Sozialisierung  besonders  zugänglich ­
  sein.  Die  Organisationen,  welche  die  eben  verflossene  Kriegsnot
schuf,  werden  von  der  gegenwärtigen  Friedensnot  gerne  übernommen  und
fortgeführt.
Eine  demokratische  und  sozialistische  Verwaltung  der  Gesamtwirtschaft ­
  kann  auch  eine  weitgehende  Demokratisierung  der  Betriebe
mit  sich  bringen.  Dies  ist  aber  keineswegs  notwendig.  Es  kann  innerhalb
einzelner  Betriebe,  ja  ganzer  Betriebsgruppen  eine  Art  Absolutismus  herrschen,
wie  ja  auch  innerhalb  einer  sozialistischen  Milizarmee  der  Feldherr,  trotz
seiner  Abhängigkeit  vom  Volke,  gegenüber  dem  einzelnen  Soldaten  weitgehende
Rechte  besitzen  kann.  Volkskommissare  und  verantwortliche  Beamte  mit  großer
Machtvollkommenheit  sind  mit  Demokratie  durchaus  vereinbar.  Eine  Demokratisierung ­
  der  Betriebe.^  die  soweit  geht,  daß  die  technische  Leitung  durch  Arbeiterräte, ­
  die  Verwaltung  ganzer  Betriebsgruppen  durch  Ausschüsse  höherer
Ordnung  erfolgt,  bedeutet  gesellschaftstechnisch  eine  Lähmung  der  Produktion. ­
  Die  gesarnte  gesellschaftliche  und  geschichtliche  Erfahrung  zeigt,
daß  Ausschüsse  für  (eine  derartige  Leitung  ungeeignet  sind.  Nur  dort,  wo
der  Gemeinschaftsgeist,  wie  etwa  in  kleinen  Bauerngruppen,  lebendig  ist,  kann
von  einer  autoritären  Organisation  abgesehen  werden;  auch  da  müßte  man  im
Interesse  des  Gemeinschaftsgeistes  wohl  manche  Produktionsverringerung  in  Kauf
nehmen.  Falsch  ist  es,  wenn  man  vom  Rätesystem  produktionstechnisch ­
  eine  Verbesserung  der  Lebenslage  erwartet.
Das  als  politische  Einrichtung  geschaffene  Rätesystem  führt  durch  sein
Hervorheben  des  Einzelbetriebes  im  Wirtschaftlichen  leicht  zu  einer  Pflege
des  Streikwesens,  das  mit  einer  durchsozialisierten  Gesellschaft  völlig
unvereinbar  ist  ;  für  sie  ist  der  Streik  le  i  n  e  Form  des  Bürgerkrieges.
Würde  das  Streiken  innerhalb  einer  sozialisierten  Wirtschaft  anerkannt  werden,
so  könnte  das  nur  eine  Bevorrechtung  der  in  den  lebenswichtigen  Betrieben
beschäftigten  Arbeiter  gleichkommen.  Die  Arbeiter  des  Verkehrswesens,  der
Elektrizitätswerke,  der  Wasserwerke  usw.  könnten  jederzeit  an  ihren  Volksge-
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.