213
berechtigte Einschränkung der persönlichen Freiheit. Produktion und Handel
wurden Privatsache. In ähnlicher Weise wird z. B. jetzt durch ein Gesetz,
welches verbietet, jemanden um sein Religionsbekenntnis zu fragen, die Religionsstatistik
erschwert oder unmöglich gemacht.
Die Wirtschaftspläne müßten von einer eigenen Stelle entworfen werden,
welche die gesamte Volkswirtschaft wie einen riesigen Betrieb anzusehen hätte.
Die Geldpreise würden für ihre Übersichten keine Rolle spielen, werden sie
doch im Rahmen einer Verwaltungswirtschaft, solange das Geld überhaupt
noch besteht, wesentlich willkürlich durch Verbände, durch den Staat
oder andere leitende Instanzen festgesetzt, während sie ehedem automatische
Ergebnisse des Wettbewerbs waren. Die Naturalrechnungszentra 1 e,
wie wir die erwähnte Stelle nennen könnten, hätte einerseits den jeweiligen
Wirtschaftsablauf darzustellen, vor allem aber Wirtschaftspläne für die
Zukunft zu entwerfen. Aus diesen Wirtschaftsplänen müßte die Volksvertretung
entnehmen können, welche mengenmäßigen Verschiebungen etwa
der Bau von Talsperren, eine allgemeine Zementierung der Düngergruben
und ähnliches mehr im Rahmen der Gesamtwirtschaft zur Folge haben würden.
Die Bedeutung, die Durchführbarkeit jeder Einzelmaßnahme würde aus der
Betrachtung des Ganzen ersichtlich werden.
Um den dann schließlich von der Volksvertretung gewählten Plan durchführen
zu können, muß jeder deutsche Freistaat ein Zentralwirtschaftsamt
besitzen. Es genügt nicht, die Wasserwirtschaft, die Kohlenwirtschaft,
die Ernährungswirtschaft usw. zu zentralisieren. Es muß in jedem
Staats wesen eine Stelle vorhanden sein, welche die gleichzeitigen
Veränderungen, die Zusammenhänge zwischen
den verschiedenen Gebieten in jedem Augenblick im Auge
hat, um gegebenenfalls eingreifen zu können. Selbstverständlich
müßte jedes Zentralwirtschaftsamt eine Abteilung für Reichsfragen besitzen,
die ihrerseits mit der Reichszentrale in Verbindung zu stehen hätte. Kompetenzfragen
und ihre politischen und gesellschaftstechnischen Folgen bleiben hier
Vor einer Zersplitterung der kommenden Verwaltungswirtschaft kann nicht
nachdrücklich genug gewarnt werden. Die Kriegswirtschaft zeigt uns
am besten, welchen ungeheuren Umfang staatliche Eingriffe annehmen können,
ohne daß es zu einem wirklich umfassenden Gesamtplan kommen müßte. Nicht
einmal das Preissystem wurde als Ganzes voll erfaßt. Fehlte es an Zucker,
so erhöhte man wohl die Rübenpreise, ohne die zahllosen Nebenwirkungen ausreichend
zu beachten, die eine solche vereinzelte Preisveränderung ausübt.
Fragen wir uns nun, wie man die Ergebnisse solcher W^irtschaftspläne verwenden
kann. Sie geben vor allem eine uns bisher unbekannte schematisierende
Übersicht über den Wirtschaftsablauf, zwingen unser Denken, die Geldrechnung
abzutun und uns mit der Naturalrechnung zu beschäftigen, Produktion und
Verbrauch werden einander näher gerückt, Dinge und Menschen treten uns
plastischer gegenüber. Die Verschleierungen, welche durch „Valuta“, „Devisenkurse“,
„Konjunktur“, „Depression“ usw. erzeugt werden, sind plötzlich beseitigt.
Alles wird durchsichtig und beherrschbar.
Auf Grund des Wirtschaftsplanes gestalten sich alle Verhandlungen über
Arbeitslohn und Arbeitszeit völlig anders als bisher. Besäßen wir
eine Naturalrechnungszentrale, so könnte man in großen Zügen Wirtschaftspläne
für den 7-, 8- und 9 stündigen Arbeitstag entwerfen und nun fragen, ob längere
Freizeit und Konsumzeit und kleinere Warenmenge oder kürzere Konsumzeit
und größere Warenmenge innerhalb bestimmter Grenzen vorzuziehen ist.
Während die überlieferte Ordnung den Achtstundentag nur als Mittel zur Leistungssteigerung
anerkennen kann, kommt in den Entschließungen der Gesellschaft
einer sozialisierten Wirtschaft die Freizeit unmittelbar als Gut in Frage.
Noch wichtiger als für die Bestimmung der Arbeitszeit ist das Entwerfen von
Wirtschaftsplänen für die Bestimmung des Arbeitslohnes. Der gegenwärtige
Zustand weist auf diesem Gebiet alle Mängel der freien Konkurrenz
ohne deren Vorzüge auf. Die Arbeiter stellen Unter Streikdrohung immer neue
Lohnforderungen, man gewährt sie ihnen vielfach und belastet durch Preis-