Full text : Die Arbeiterfrage

77

mit  ein.  Die  Gefühlsbetonung,  die  die  Arbeit  bekleidet,  aber
ganz  besonders  mit  der  Zunahme  des  negativen  Werts  derselben
wird  das  Bild  der  Ermüdung  besonders  deutlich.
Je  tiefer  wir  in  das  Studium  derselben  einzudringen  versuchen, ­
  desto  mehr  stellt  sich  heraus,  daß  dieses  Studium  wohl
das  wichtigste  Gebiet  der  Physiologie  bildet.  Anatomische  und
histologische  Untersuchungen  des  Nerenvsystems  zeigen  uns
zwar  die  Wege,  auf  welchen  sich  dynamische  Erscheinungen
bemerkbar  machen,  geben  jedoch  keinen  Aufschluß  über  das
Wesen  solcher.  Dieser  Aufschluß  ist  nur  von  einem  Studium  der
psychologischen  und  physiologischen  Vorgänge  im  Körper  zu
erwarten.
Krankhaften  Veränderungen  infolge  Ermüdung  begegnen  wir
gelegentlich  in  jedem  einzelnen  Organe.  In  dem  einen  Berufe
werden  mehr  die  Muskeln  (Bergarbeiter),  in  dem  andern  mehr
die  Sinneswerkzeuge,  Augen  und  Atmungsorgane  in  Anspruch
genommen  (Textilarbeiter).  Ein  alter  Metallarbeiter,  der  den
Übergang  von  der  Hausindustrie  zum  maschinellen  Fabrikbetrieb ­
  mitgemacht,  schreibt:  „Als  mein  Geschäft  mit  Maschinen
versehen  wurde,  mit  dem  Glüh-  und  Schmelzofen-Walzen,  in
dem  jetzt  80—ioo  Menschen  arbeiten,  da  kann  man  sich  denken,
wenn  man  42  Jahre  ohne  Getös  gearbeitet  und  auf  einmal  ein
Gesäuse  und  Getöne  ertönt,  wie  dies  einem  alten  Manne  die
Nerven  erregt.  Ich  schwitze  den  ganzen  Tag,  bekomme  Angstgefühle. ­
  Ich  weine  öfters  wie  ein  kleines  Kind,  kann  die  Nacht
nicht  mehr  schlafen.  Ich  habe  jetzt  zur  Nachtzeit  ein  Licht
brenpen,  und  dadurch  tue  ich  meine  Gefühle  besser  erhalten.
Dieses  bin  ich  nicht  allein.  Verschiedene  Arbeiter  haben  das
gleiche  Leiden  davongetragen.  Einer  kam  sogar  soweit,  dass  er
sich  den  Hals  abschnitt.“  Ein  Metalldreher,  der  sein  ganzes
Leben  auf  dem  Lande  zugebracht,  seit  zwei  Jahren  an  einer
großen  Maschinenfabrik  in  der  Stadt  arbeitet:  „Ich  bin  wohl
nach  Feierabend  und  auch  schon  zwei  Stunden  vor  Beendigung
der  Schicht  müde.  Aber  es  ist  ein  anderes  Müde.  Nicht  müde
wie  in  der  Heimat,  wenn  man  den  ganzen  Tag  mit  der  Sense  gearbeitet ­
  hatte  oder  hinter  dem  Pflug  hergeschritten  war.  Hier
zittern  mir  immer  die  Glieder.  Und  dann:  auf  dem  Lande  wurde
nach  Beendigung  der  Arbeit  so  viel  gelacht.  Hier  sieht  man  nur
mißmutige  Gesichter  “
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.