Full text : Die Arbeiterfrage

„Ich  arbeite  an  einer  Spinnereimaschine“,  schreibt  ein  Förster
Weber,  „welche  im  ganzen  880  Spindeln  haben.  Das  sind  Maschinen, ­
  welche  das  Garn  zu  den  Tuchen  spinnen.  Diese  Maschinen ­
  nennt  man  Selfaktor.  Nun  macht  der  Selfaktor  in  der
Minute  drei  Zug.  Bei  jedem  Zug  muß  ich  nun  zwölf  bis  dreizehn ­
  Schritte  machen,  macht  in  der  Minute  36—39  Schritte.  Wenn
ich  nun  schlechtes  Material  zu  spinnen  habe,  wo  mehr  Fadenbrüche ­
  Vorkommen,  dann  werden  es  noch  mehr.  Dies  würde
also  bei  einer  zehnstündigen  Arbeitszeit  einer  Leistung  von  ca.
12  km  täglich  entsprechen.“  Ein  Berliner  Weber:  „Selbst  die
größte  Ermüdung  hat  auf  die  Leistung  des  Webers  nur  geringen
Einfluß.  Der  mechanische  Webstuhl  wird  nicht  müde.  Der  übermüdete ­
  Arbeiter  zwingt  sich  mit  aller  Kraft.  Er  läßt  den  Stuhl
laufen  und  sucht  sich  selbst  irgendwo  zu  stützen.“  „Sie  fragen,
ob  Unterschiede  in  Quantum  und  Qualität  an  den  verschiedenen
Perioden  des  Tages  sich  bemerkbar  machen.  Darauf  antworte
ich:  Nein.  Aus  dem  einfachen  Grunde,  weil  es  sich  nicht  bemerkbar ­
  machen  darf.  Eben  darin  liegt  die  große  überanstren
gung  des  Webers.  Der  Weber  muß  alle  Unlustempfindungen
niederzwingen.“
Ganz  charakteristisch  für  Textil-  und  Metallarbeiter  waren
die  Klagen  über  die  Maschine,  die  ihn  zu  einem  Tempo  zwingt
und  zu  einem  Aufwand  an  Muskelkraft,  dem  er  nicht  folgen
kann,  und  oft  gebieterisch  von  ihm  Überanstrengung  fordert,
ob  er  auch  dabei  fast  zusammenbricht.
Auch  die  lichtelektrische  Ermüdung  spielt  bei  den  Textilarbeitern ­
  eine  große  Rolle.  Helle  Farben  kann  man  für  den
Weber  als  geradezu  ungesund  bezeichnen.  Die  Kette  weiß,  die
Poile,  der  Schuß  weiß.  Die  Folgen:  Druck  in  den  Augenhöhlen,
Funken  sehen,  Mücken  sehen,  allmähliche  Abnahme  der  Sehschärfe. ­
  Dazu  kommen  hohe  Temperaturen,  wodurch  die  von  der
Bindehaut  gelieferte  Feuchtigkeit,  welche  den  vorderen  Teil  des
Auges  bedeckt,  zu  schnell  verdunstet.  Trockenheit  des  Auges
wirkt  ungemein  lästig,  weil  hierbei  nicht  allein  das  Auge,  sondern
auch  der  Körper  erwärmt  wird,  Und  es  entstehen  einerseits  Kopfschmerzen, ­
  welche  das  Weiterarbeiten  erschweren,  andererseits
auch  schwere  organische  Störungen  des  Augapfels.  „Meine
Nerven  sind  ganz  kaput“,  äußert  sich  ein  Weber.  Mein  Stuhl
macht  32  Touren  in  der  Minute,  im  staubigen,  heißen  Raum;
78
            
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