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ihre Zwecke verwenden, aber mit dem System der Parteien haben sie
nicht mehr zu tun, als ein heißer Sommer, der einer Regierung inso
fern ganz gelegen kommen mag, als sie nun ihre Widersacher noch
vor Sessionsschluß auf die Moore und in die Berge senden kann. Diese
Übelstände werden hauptsächlich dadurch erzeugt, daß das Parlament
eine Menge ist und keine Versammlung geschäftlichen Charakters.
Wenn die Einführung der Diäten das Personal des House of Commons
auf die Hälfte reduzierte oder ein Staatsmann kühn genug wäre, dies
im öffentlichen Interesse zu tun, so verlöre die der parlamentarischen
Regierung feindselige Kritik viel von ihrer Berechtigung. Das Parla
ment fühlte dann seine Geschlossenheit und Einheit, es gewänne an
Zusammenhang und könnte fruchtbringender wirken.
Der zweite Grund der parlamentarischen Mißerfolge wurzelt in der
ersten Ursache. Eine parteisüchtige Opposition kann in einem Parla
mente, das eine Menge ist, viel leichter leben und sich ungezwungener
bewegen, als in einem Hause, dessen numerischer Umfang die schick
lichen Grenzen der Arbeitsmöglichkeiten nicht überschreitet. Die mo
derne Theorie, an der die Opposition ihre Handlungen orientiert, wird
ganz allgemein der Vierten Partei zugeschrieben, mit der die Laufbahn
des Lord Randolph Churchill und des Herrn Balfour verknüpft ist.
Diese Politiker, besonders der erstgenannte, haben in das Parlaments
leben die Methode des Meuchelmörders eingeführt. Obgleich Lord Ran
dolph den Aphorismus: Die Pflicht der Opposition ist, zu opponieren,
nicht geprägt hat, so sank seine Sittenlehre doch tiefer als dieses Witz
wort zuläßt. Offen und rücksichtslos bekannte er sich zu der Lehre,
daß es in der Politik weder Ehrlichkeit noch Patriotismus gäbe. Das
Land und das Haus der Gemeinen wären Parteigängerinteressen unter
zuordnen und zu opfern x , ihretwillen müßten Regierungen mürbe ge
macht und die Nation irregeführt werden. Die Opposition hätte alle
Mittel eines boshaften Geistes anzuwenden, damit ihre Kriegsführung
nicht „schwach und nichtig“ werde, wie Lord Randolph Churchill einst
dem Lord Salisbury entgegnete. Die Prozedur des Unterhauses ist
auf diese Weise zu einem interessanten Spiel geworden, das die Par
teien spielen und woran sich rücksichtslose Naturen ergötzen.
Diese Auffassung von der Opposition ist für die systematische Ob-
1 Was die parlamentarische Moral von Lord Randolph Churchill anbetrifft, so ver
weise ich auf Herrn Winston Churchills Buch: Lord Randolph Churchill, beson-
ers pp. 188 und ff., 2. Auflage.