Full text : Sozialismus und Regierung

5  Mac  Donald,  Sozialismus

65

unmittelbaren  Absichten  zurückgeschlagen,  macht  sich  die  Obstruktion ­
  nun  an  die  Erniedrigung  des  Parlamentes  selbst.  Denn  durch  die
Begrenzung  der  Redezeit  wird  die  Opposition  durchaus  nicht  gezwungen, ­
  ihre  Aufmerksamkeit  auf  wichtige  Amendements  zu  konzentrieren. ­
  Wäre  dies  der  Fall,  so  hätte  die  Guillotine  Erfolg,  doch  die  Opposition ­
  bietet  unter  ihrem  Walten  allen  Scharfsinn  auf,  um  die  bemessene
Zeit  an  nichtige  Sachen  zu  verschwenden,  so  daß  der  kaum  diskutierte
Gesetzentwurf  schließlich  das  Unterhaus  verläßt,  ohne  mit  derjenigen
Autorität  ausgestattet  zu  sein,  mit  der  ein  im  Haus  der  Gemeinen  beratener ­
  Gegenstand  versehen  sein  muß.  Das  Ende  vom  Liede  ist,  daß
das  Parlament  der  Lächerlichkeit  anheimfällt  und  alle  Würde  und  alles
Ansehen  einbüßt.
Um  die  Geschütze  der  Majorität  zu  vernageln,  droht  die  Minorität
dem  Parlamente  mit  Vernichtung,  sie  strebt  nach  der  Tyrannei.  Sie
kann  die  Prinzipien  der  Gesetzgebung  nicht  fixieren  und  so  die  Mehrheit ­
  bezwingen;  entwaffnen  kann  sie  die  Majorität  aber,  indem  sie
den  Umfang  der  Gesetzgebung  bestimmt.  Es  ist  natürlich  klar,  daß
sich  die  Mehrheit  gegen  die  Minorität  schützen  will,  doch  alle  ihre  bis
heute  unternommenen  Versuche  haben  nur  zu  einer  Unterminierung
des  Parlamentarismus  geführt.  Dies  ist  die  bedenklichste  Seite  des
Verbrechens.  Das  Haus  der  Gemeinen  wird  entehrt,  ein  degradiertes
Parlament  bedeutet  aber  eine  entwürdigte  demokratische  Autorität.
Die  Aristokratie  und  die  Plutokratie  ziehen  hieraus  Nutzen.  Der  Kampf
zwischen  ihnen  und  der  Demokratie  ist  nicht  um  die  Frage  entbrannt,
ob  überhaupt  Achtung  und  Ehrerbietung  bekundet,  sondern  ob  sie
aristokratischen  oder  demokratischen  Einrichtungen  bezeugt  werden
sollen.  Gehorsam  ist  in  einer  durch  Gesetz  und  Ordnung  stabilisierten
Gesellschaft  unbedingt  notwendig.  Wenn  aber  demokratische  Institutionen, ­
  die  Wächter  der  demokratischen  Gewalt,  verächtlich  gemacht
werden  und  keinem  Respekte  mehr  begegnen,  worauf  soll  sich  dann
noch  die  demokratische  Autorität  gründen  ?  Die  Kreise,  die  mit  Beunruhigung ­
  das  Anwachsen  der  demokratischen  Macht  verfolgen  und
den  Entschluß  beargwöhnen,  diese  Macht  zur  Realisierung  nationaler
Ziele  zu  gebrauchen,  wissen  sehr  gut,  daß,  wenn  sie  das  gewählte
Haus  verunglimpfen,  sie  die  Zitadelle  der  Demokratie  ins  Wanken
bringen  —  und  die  Huld  des  Glückes  assoziiert  ihnen  Teile  der  Demokratie, ­
  die  in  dieses  tolle  Spiel  einstimmen.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.