Object: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel II. Saint-Simon, die Saint-Simonisten u. d. Ursprung des Kollektivismus. 229 
tümliche Fortsetzung des wirtschaftlichen Liberalismus zu sehen, als 
einen Spätling alter sozialistischer Auffassungen. 
Man muß in der Tat in dem, was mit dem Namen Saint-Simonis 
mus bezeichnet wird, zwei aufeinanderfolgende Doktrinen unterschei 
den; die eine ist die Saint-Simon’s, die andere die seiner Schüler, 
der Saint-Simonisten. Die erste ist ein einfacher „Industrialismus“, 
dem der Sozialismus gewisse Züge entlehnen wird, der sich aber haupt 
sächlich an den ökonomischen Liberalismus anschließt, dessen etwas 
übertriebene Form er ist. Nur die Lehre der Schüler verdient den 
Namen Kollektivismus. Dennoch ist sie die logische Folge aus den 
Grundsätzen des Meisters, die sie nur fortsetzt und erweitert. Für 
die Geschichte der wirtschaftlichen Gedanken ist vielleicht die Theorie 
der Schüler die wichtigere. Sie bleibt jedoch unverständlich, wenn 
man keine Kenntnis von der Saint-Simon’s hat. Wir werden daher 
zunächst diese darlegen, indem wir die Beziehungen nachweisen, die, 
wenn auch in eigentümlicher Weise, so doch ganz bestimmt den 
Sozialismus Saint-Simon’s mit dem ökonomischen Liberalismus ver 
binden. 
§ 1. Saint-Simon und der Industrialismus. 
Saint-Simon war ein Grand-Seigneur, dessen Leben unter vielen 
Abenteuern und ohne Ordnung verlief. Mit 16 Jahren nimmt er an 
dem amerikanischen Unabhängigkeitskriege teil. Unter der Revolu 
tion legt er seinen Adelstitel ab und stellt durch glückliche Speku 
lationen mit den Nationalgütern sein zerrüttetes Vermögen wieder 
her. Als verdächtig in Sainte Pelagie eingekerkert, durch den 
9- Thermidor wieder befreit, beschäftigt er sich von da an zur gleichen 
Zeit mit geschäftlichen Unternehmungen, mit Reisen, mit Vergnügungen 
und, wenn auch nur oberflächlich, mit wissenschaftlichen Studien. \ on 
diesem Augenblicke an betrachtet er sich als eine Art Messias 1 ). 
Die Geburt der neuen Gesellschaft, der er beiwohnte, machte einen 
tiefen Eindruck auf ihn, dieser Gesellschaft, in der die moralischen, 
Politischen und materiellen Bedingungen plötzlich umgestürzt zu sein 
schienen, und aus der sogar die alten Religionen verschwunden 
Waren, ohne das etwas Neues an ihre Stelle trat. . Er träumt davon, 
ihr ein neues Evangelium zu bringen. Am 4. Messidor des Jahres VI 
nift er „die mit ihm verbundenen Kapitalisten zusammen, predigt 
ihnen die Notwendigkeit, die Moral zu erneuern und regt die 
') Vgl. im besonderen: Dumas, Psychologie des deux Messies positi 
vstes, Saint-Simon etA. Comte (Paris, 1905) und, soweit biographische Einzel 
heiten in Betracht kommen; Weil, Saint-Simon et son oeuvre (1894).
	        
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