Kap. I.
Die herrschende Lehre vom Lohn.
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richtig ist, daß der Arbeitslohn von dein Verhältnis zwischen den Arbeit
suchenden und dem für deren Beschäftigung bestimmten Kapital abhängt,
so müßten hohe Löhne (das Merkmal relativ geringen Arbeitsangebotes)
von einem niedrigen Zinsfuß (dem Merkmal verhältnismäßigen Kapital-
überflusses), und umgekehrt niedrige Löhne von einem hohen Zinsfüße
begleitet sein.
Dies ist jedoch nicht der Fall, sondern das Gegenteil! Scheiden
wir aus dem Zins das Element der Versicherung aus und betrachten
nur den eigentlichen Zins, d. h. den Entgelt für die Benutzung von
Kapital, ist es dann nicht überall zu beobachten, daß der Zinsfuß hoch
ist, wo und wann die Löhne hoch, und niedrig, wo und wann die Löhne
niedrig find? Sowohl die Löhne als der Zinsfuß sind in den vereinigten
Staaten höher als in England, am Stillen Ozean höher als in den
atlantischen Staaten. Ist es nicht eine notorische Tatsache, daß dorthin,
wohin die Arbeiter gehen, um höhere Löhne zu gewinnen, auch das
Kapital geht, um höhere Zinsen zu erhalten? Ist es nicht richtig, daß,
wo immer die Löhne allgemein fielen oder stiegen, zugleich auch ein
ähnliches Steigen oder Fallen im Zinsfüße stattfand? Als z. B. in
Kalifornien die Löhne höher als irgendwo sonst waren, war auch der
Zinsfuß höher. Ebenso sanken auch Löhne und Zinsfuß in Kalifornien
gleichzeitig. Als der übliche Tagelohn 5 Dollar betrug, war der ge
wöhnliche Bankzinsfuß 24% P* a - Jetzt, wo der übliche Tagelohn
2—2 1 / 2 Dollar beträgt, hält sich der Diskontosatz gewöhnlich auf ;o
bis \2°/ 0 ,
Diese überall zu beobachtende Tatsache, daß die Löhne in neuen
Ländern, .wo das Kapital verhältnismäßig selten ist, höher sind als in
alten Ländern, wo das Kapital verhältnismäßig reichlich ist, drängt
sich zu unabweisbar auf, um übersehen zu werden. Und obgleich nur
sehr obenhin berührt, ist sie doch von den Anhängern der herrschenden
Nationalökonomie bemerkt worden. Die Art und weise, wie sie Notiz
davon nehmen, beweist, was ich sage, daß sie mit der angenommenen
Theorie des Arbeitslohns durchaus unvereinbar ist. Denn Schriftsteller
wie Mill, Fawcett und Price geben, wenn sie jene Tatsache zu erklären
suchen, im Grunde die Lohntheorie aus, die zu beweisen sie sich in den
selben Schriften abmühen. Obgleich sie erklären, daß der Arbeitslohn
durch das Verhältnis zwischen dem Kapital und den Arbeitern bestimmt
werde, begründen sie die höheren Zinsen neuer Länder durch die relativ
größere Güterproduktion. Ich werde weiterhin zeigen, daß die Vor
aussetzung falsch ist, daß im Gegenteil in alten und dichtbevölkerten
Ländern die Güterproduktion verhältnismäßig größer ist als in neuen
schwach bevölkerten Ländern. Für jetzt aber möchte ich nur auf die
Inkonsequenz Hinweisen. Denn zu sagen, daß die höheren Löhne neuer
Länder in entsprechend größerer Produktion ihren Grund haben, heißt
offenbar das Verhältnis zur Produktion, nicht aber das Verhältnis
zum Kapital als ausschlaggebend für die Löhne betrachten.