Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

366

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

Die  französische  Schule  protestiert  allerdings  gegen  den  Namen
Optimisten  genau  wie  gegen  die  Bezeichnung  Orthodox.  Sie  würde
auch  Recht  haben  zu  protestieren,  wenn  wir  unter  Optimismus  den
Quietismus,  die  egoistische  Zufriedenheit  des  satten  Bürgers,  verständen, ­
  der  da  glaubt,  daß  in  der  besten  der  Welten  alles  auf  das
beste  eingerichtet  ist.  Das  ist  aber  durchaus  nicht  der  Fall.  Wir
haben  schon  darauf  hingewiesen,  daß  ihr  „laisser-faire“  nicht  im
Sinne  eines  „nichts  tun“  zu  verstehen  ist,  sondern  im  Sinne  des
englischen  Ausdrucks  „fair  play“,  —  freies  Spiel  der  Kräfte.  Wir
haben  im  Gegenteil  auch  gesagt,  daß  diese  Volkswirtschaftier  stets
unermüdliche  Polemiker  und  Streiter  waren  und  noch  heute  sind.
Zu  allen  Zeiten  haben  sie  ihre  Stimme  gegen  Mißbräuche  erhoben.
Ihr  Optimismus  liegt  aber  darin,  daß  sie  stets  glaubten,  die  Übel
der  wirtschaftlichen  Ordnung  kämen  hauptsächlich  daher,  daß  die
Freiheit  erst  sehr  unvollkommen  verwirklicht  wäre,  und  daß  infolgedessen ­
  das  beste  Heilmittel  gegen  dieses  Übel  darin  bestände,  diese
Freiheit  in  noch  vollkommenerer  Weise  zu  verwirklichen  *).  Hierdurch
rechtfertigt  sich  durchaus  der  Name  der  liberalen  Schule,  den  sie
für  sich  in  Anspruch  nehmen.  Zum  Beispiel  ist  für  sie  die  Freiheit
der  Arbeiter  das  beste  Mittel,  die  Ausbeutung  des  Arbeiter^  zu  verhindern ­
  und  die  Löhne  zu  erhöhen.  So  schreibt  Emile  Oliviek,  der
Verfasser  des  Gesetzes  von  1864,  das  die  Strafen  gegen  die  Koalitionen
aufhob:  „Die  Koalitionsfreiheit  ist  der  Tod  der  Streiks.“  So  führt
auch  die  Darlehenfreiheit  nach  ihrer  Meinung  zum  Verschwinden
des  Wuchers,  und  die  Handelsfreiheit  genügt,  um  der  Verfälschung
der  Lebensmittel  und  der  Herrschaft  der  Trusts  Einhalt  zu  tun.  Im
allgemeinen  wird  die  Konkurrenz  in  der  Produktion  die  Billigkeit
und  in  der  Verteilung  die  Gerechtigkeit  sicher  stellen *  2 ).
Ihr  Optimismus  hat  noch  diese  Besonderheit,  daß  sich  ihm  ein
absoluter  Pessimismus  in  Hinsicht  auf  die  Wirksamkeit  aller  sog.
sozialen  Reformen  zugesellt  und  ihn  bestärkt,  wie  z.  B.  Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen ­
  der  Arbeitgeber,  Einmischung  des  Staates
und  des  Gesetzgebers  zum  sog.  Schutze  der  Schwachen.  Wenn  man
ihnen  glauben  wollte,  so  würde  die  Freiheit  zum  Schluß  die  Übel,
r )  „Ach,  man  hat  so  vieles  versucht!  Wann  wird  man  endlich  einen  Versuch
mit  dem  einfachsten  machen:  der  Freiheit?“  (Bastiat,  Harmonies,  Kap.  IV,
S.  125).
2 )  Einer  der  Teile  des  Buches  Dünoybk’s  über  La  Liberte  du  travail
trägt  als  Überschrift;  „Wie  das  wahre  Mittel  den  Übeln  zu  steuern,  unter  denen
die  Arbeiterklassen  leiden,  in  der  Ausdehnung  der  Konkurrenz  liegt“  (Kap.  X
B.  4,  §  18).
An  anderer  Stelle  sagt  Dunoybb:  „In  Wirklichkeit  ist  es  die  Konkurrenz,
dieses  angebliche  Element  der  Uneinigkeit,  das  das  wahre  Band,  der  festeste
Knoten  ist,  der  alle  Teile  des  sozialen  Körpers  miteinander  verbunden  hält.“
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.