Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  III.  Der  Marxismus.

517

viel  eine  Pferdekraft  kostet.  Er  wird,  je  nachdem  antworten:  sie
kostet  1  oder  2  kg  Kohle  pro  Stunde,  8  oder  10  kg  pro  Tag,  und  da
der  Wert  dieser  Kohle  selber  nur  eine  gewisse  Menge  Arbeit  eines
Bergmannes  darstellt,  so  ist  nichts  leichter,  als  sie,  wenn  man  will,
in  Arbeit  zu  werten.  Unter  der  Herrschaft  des  Lohnsystems  ist  aber
der  Arbeiter  nichts  anderes  als  eine  Maschine,  und  soweit  der  Wert
in  Betracht  kommt,  unterscheidet  sich  die  Arbeit  des  einen  in  nichts
von  der  Arbeit  der  anderen.  Der  Arbeitstag  oder  die  Arbeitsstunde
eines  Menschen  kostet  diejenige  Menge  von  Subsistenzmitteln,  die
nötig  sind,  um  einen  Arbeiter  während  eines  Tages  oder  einer  Stunde
im  Zustande  der  Produktionsfähigkeit  zu  erhalten.  Jeder  Arbeitgeber,
der  mit  Naturalien  entlohnte  Arbeiter  beschäftigt,  was  bei  landwirtschaftlichen ­
  Arbeiten  noch  vorkommt,  weiß  sehr  wohl  diese  Rechnung
aufzumachen;  genau  dasselbe  tritt  in  dem  Falle  ein,  wo  der  Lohn
in  Geld  gezahlt  wird,  da  das  gezahlte  Geld  nichts  weiter  als  die
Kosten  dieser  Subsistenzmittel  vorstellt.
Gehen  wir  nun  einen  Schritt  weiter.  Der  Wert  der  zum  Unterhalt ­
  irgend  einer  Arbeit  notwendigen  Subsistenzmittel  ist  niemals
dem  W T erte  des  Erzeugnisses  dieser  selben  Arbeit  gleich.  In  dem
Beispiel,  das  wir  gewählt  haben,  wird  er  nicht  10  Stunden,  sondern
nur,  sagen  wir  5  oder  noch  weniger  Stunden  wert  sein.  Stets  ergibt
sich  für  die  menschliche  Arbeit  unter  normalen  Bedingungen  ein
Wertüberschuß  des  produzierten  Wertes  über  den  verbrauchten  Wert
hinaus  l ).

l )  Dieser  Beweis  schließt  daher  ein,  daß  der  vom  Arbeiter  erhaltene  Lohn
notwendigerweise  an  Wert  gleich  dem  Wert  der  zu  seinem  Unterhalt  notwendigen
Lebensmittel  ist.  Das  ist  zuletzt  das  alte  klassische  Gesetz  eines  Türgot  und
Ricardo  (siehe  SS.  179—180),  dasselbe,  das  der  Zeitgenosse  und  Eiyale  Marx’,
Lassallb,  mit  dem  tönenden  Namen  des  ehernen  Lohngesetzes  bezeiohnete.  Marx
gibt  diesem  Gesetz  eine  angeblich  wissenschaftlichere  Grundlage,  weiter  nichts.
Dieser  Beweis  schließt  aber  auch  ein  Postulat  ein,  das  ebenfalls  bewiesen
Werden  müßte,  nämlich  daß  die  zur  Erzeugung  des  Unterhalts  des  Arbeitenden
notwendige  Arbeitsmenge  stets  geringer  ist,  als  die,  die  der  Arbeitende
liefern  kann.  Was  beweist  denn  aber,  daß  der  Mensch,  der  täglich  eine  zehnstündige
Arbeit  leistet,  niemals  10  Stunden  braucht,  um  seine  Unterhaltsmittel  zu  gewinnen? ­
  Liegt  hierin  eine  Naturnotwendigkeit?  —  Marx  liefert  hierfür  keinen
Beweis  und  scheint  dies  als  Axiom  anzunehmen.  Wir  wollen  nicht  erst  widersprechen; ­
  man  kann  tatsächlich  als  empirisches  Gesetz  zugeben,  daß  die  Arbeit  des
Menschen  nicht  in  ihrer  Gesamtheit  von  den  Notwendigkeiten  des  Lebens  aufge-Daucht
  wird;  denn,  wenn  es  so  wäre,  hätte  sich  das  Menschengeschlecht  niemals
vermehren  können,  hätte  es  niemals  Kapitalien  schaffen  können  und  hätte  niemals
die  Zivilisation,  die  Frucht  der  Freizeit,  gekannt.
Ist  es  aber  zuletzt  nicht  der  „Reinertrag“  der  Physiokraten,  den  wir  hier
wiederfinden,  nur  mit  dem  Unterschiede,  daß  er,  anstatt  ein  Privilegium  der  landwirtschaftlichen ­
  Arbeit  zu  sein,  eine  jeder  Arbeit  anhaftende  Eigenschaft  ist?
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.