Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

532

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

a)  Stolz  beansprucht  sie  den  Titel:  wissenschaftlicher
Sozialismus.  Doch  muß  dieses  Beiwort  in  seiner  richtigen  Bedeutung
aufgefaßt  werden.  Der  Marxismus  verhöhnt  schärfer,  als  es  die
Ökonomisten  jemals  getan  haben,  alle  Phalansterien  und  alle  Republiken
in  Ikaria,  und  ebenso  alle  die  mehr  oder  weniger  vollständigen  Genossenschaftssysteme. ­
  Er  behauptet  nicht,  einen  neuen  Plan  aufgestellt  zu
haben,  sondern  gibt  sich  nur,  sagt  Labeiola,  als  „die  wissenschaftliche
und  überlegte  Offenbarung  des  Weges,  den  unsere  bürgerliche  Gesellschaft ­
  durchläuft  (möge  der  Schatten  Fotjsiee’s  mir  verzeihen!)“  x ).
Er  beschränkt  sich  darauf,  den  Sinn  der  Entwicklung  aufzudecken,  die
nolens  volens  die  menschlichen  Gesellschaften  vorwärts  treibt,  und  den
Punkt  zu  bezeichnen,  auf  den  hin  der  Lauf  der  Dinge  gerichtet  ist.
Diese  Methode  nähert  den  Marxismus  eher  der  klassischen
Nationalökonomie  und  ihrer  Auffassung  der  natürlichen  Gesetze,  als
dem  Sozialismus.  Und  weiter  steht  es  unbezweifelbar  fest:  die
Theorien  Marx’  beruhen  auf  denen  der  großen  Ökonomisten  aus  dem
Anfang  des  19.  Jahrhunderts  und  im  besonderen  auf  denen  Ricaedo’s.
Yon  ihm  stammt  der  Marxismus  in  gerader  Linie  ab.  Er  ist  sein
Erbe  nicht  nur  auf  Grund  seiner  sich  auf  die  Arbeit  gründenden
Werttheorie,  nicht  nur  durch  die  Theorie  des  Antagonismus  zwischen
Profit  und  Lohn,  nicht  nur  durch  die  der  Rente,  durch  all  diese  Lehren
Ricardo’s,  die  kaum  verändert  in  die  marxistische  Doktrin  übergegangen ­
  sind  und  ihr  als  mächtiges  Gerüst  dienen,  sondern,  so  paradox
diese  Behauptung  im  ersten  Augenblick  wohl  erscheinen  mag,  er
ist  sein  Erbe  auch  auf  Grund  seiner  abstrakten,  dogmatischen  Methode
und  durch  die  dunkle  Fassung  seiner  Formeln,  die  seinen  Schülern
stets  gestattet,  ihnen  einen  esoterischen  Sinn  zu  geben  und  zu  sagen,
daß  man  ihn  noch  nicht  verstanden  habe,  genau  wie  bei  Ricardo  2 ).
Marx  stützt  sich  zwar  auf  eine  reiche  Beobachtung  der  Tatsachen
—  wir  haben  übrigens  schon  dargelegt,  daß  auch  Ricardo  selbst,  mehr
als  man  denkt,  der  Beobachtung  der  Tatsachen  verdankt,  —  aber  er
vereinfacht  und  verallgemeinert  sie,  um  darauf  ein  rein  schematisches
Gebäude  zu  errichten,  gerade  wie  Ricardo  selbst  und  seine  Schüler

im  Jahre  1885  die  Revue  Socialiste  gründete,  war  einer  der  ersten  Vertreter
dieses  französischen  Kollektivismus,  und  seine  Nachfolger  waren  zuerst  George
Renaed  und  später  Fouhbi:6:eb.
*)  Antoine  Labeiola,  La  conception  materialiste  de  l’Histoire,
S.  24.  Aber  auch  die  Saint-Simonisten  hatten  denselben  Anspruch  erhoben.  Es
würde  daher  ungerecht  sein,  sie  unter  die  Utopisten  einzureihen,  und  einige  der
Marxisten  erkennen  ihnen  auch  in  der  Tat  dieses  Recht  der  Priorität  zu.
2 )  Ein  Schüler  von  Marx,  Georges  Sorbl,  hat  völlig  im  Ernst  geschrieben:
„Das  Beispiel  der  marxistischen  Werttheorie  zeigt  uns,  welche  Bedeutung  die
Unverständlichkeit  haben  kann,  um  einer  Lehre  Nachdruck  zu  verleihen.“  Les
IHusions  du  progres,  S.  91—92.  Und  das  ist  auch  tatsächlich  ganz  richtig!
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.