Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  IV.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren,

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Diese  unnatürliche  Ordnung  muß  in  ihr  Gegenteil  verkehrt  werden.
Ist  aber  nicht  zu  befürchten,  daß  an  dem  Tage,  an  dem  jedermann
arbeitet,  es  nicht  mehr  für  alle  genügend  Arbeit  geben  würde?  Nein,
denn  das  Ergebnis  wird  nicht  eine  Vermehrung  der  Arbeitslosigkeit,
sondern  eine  Vermehrung  der  Mußezeit  sein:  welcher  Unterschied!
3.  Arbeit,  die  nicht  mehr  nach  dem  Gesetz  des  Angebotes  und
der  Nachfrage,  auf  Grund  der  Gleichstellung  der  menschlichen  Arbeit
mit  einer  Ware,  entlohnt  wird  —  sondern  nach  der  Gerechtigkeit,
die  übrigens  kein  geschriebenes  Gesetz  zu  sein  braucht:  die  Gewohnheit ­
  würde  genügen,  gerade  wie  sie  heute  genügt,  um  die  Honorare
des  Arztes,  des  Advokaten,  des  Professors  festzusetzen.  Sicherlich
gibt  es  auch  in  diesen  Professionen  individuelle  Ungleichheiten,  doch
existiert  eine  Norm,  und  es  ist  gegen  die  professionelle  Würde,  oft
ist  es  sogar  durch  die  Standesvorschriften  verboten,  weniger  anzunehmen ­
  —  und  sogar,  würde  Ruskin  gern  anfügen,  mehr  anzunehmen.
Welchen  Beruf  auch  immer  ein  Mensch  ausübe,  sei  er  Arbeiter,
Soldat  oder  Kaufmann,  er  soll  nicht  für  seinen  Gewinn  arbeiten,
sondern  im  Dienste  der  Gesamtheit.  Zweifellos  muß  er  entsprechend
entlohnt  werden,  damit  die  Würde  des  Arbeiters  gesichert,  und  die
Arbeit  selbst  in  gebührender  Weise  ausgeführt  wird,  aber  es  ist  eine
Umkehrung  des  wahren  Verhältnisses,  den  Gewinn  zum  Zweck  und
die  Arbeit  zum  Mittel  zu  machen,
4.  Die  Nationalisierung  aller  natürlichen  Hilfsquellen  (Boden,
Bergwerke,  Wasserfälle)  ebenso  wie  die  der  Verkehrswege.
5.  Eine  soziale  Hierarchie,  die  in  Übereinstimmung  mit  den  geleisteten ­
  Diensten  sich  aufbaut,  freiwillig  anerkannt  und  ohne  niedrigen
Neid  geachtet  wird,  —  die  Wiedererrichtung  einer  neuen  Ritterlichkeit, ­
  ohne  die  „keine  industrielle  Gesellschaft,  ebensowenig,  wie  eine
militärische  Gesellschaft,  leben  kann“,  und  ein  offener  Kreuzzug  gegen
den  elenden  Mammondienst 1 ).
6.  Und  vor  allem  die  Erziehung,  aber  nicht  nur  der  Unterricht;
denn  das,  was  vor  allem  gelehrt  werden  muß,  ist  die  Reinlichkeit,  die
Schönheit,  der  Gehorsam,  die  Bereitwilligkeit,  anderen  zu  dienen  und
das,  dessen  Erwerb  vor  allem  anderen  Not  tut:  „die  Fähigkeiten  der
Bewunderung,  der  Hoffnung  und  der  Liebe“ 1  2 ).
Von  dem  ganzen  Programm  Ruskin’s  ist  bis  jetzt  nur  der  letzte
1 )  In  Übereinstimmung  mit  diesem  Ideal  organisierte  Ruskin.  die  Gesellschaft
„Guild  of  Saint-George“.
Vgl.  den  vor  kurzem  erschienen  Aufsatz  des  Professor  Marshall,  obgleich  in
v  demselben  Ruskin  nicht  erwähnt  wird;  The  social  possibilities  of  economic
Chivalry  (Economic  Journal,  März  1907).
2 )  Als  die  Christian  Socialists  im  Jahre  1864  in  London  Arbeiterkurse
eröffneten,  wollte  Ruskin  Unterricht  geben,  aber  nicht  in  Volkswirtschaft  oder  Geschichte, ­
  sondern  im  Zeichnen.
            
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