Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  631

Wenn  aber  dies  die  Erklärung  der  Rente  ist,  insofern  sie  auf
dem  letzten  in  Anbau  genommenen  Felde  erscheint  —,  warum  soll
die  Erklärung  anders  lauten,  wenn  es  sich  um  die  Rente  besserer
Felder  bandelt?  Man  versteht  nicht  recht,  weshalb  Stuart  Mill
diese  Folgerung  nicht  gezogen  hat.
Wie  erklärt  er  selbst  das  Entstehen  der  Rente  auf  dem  Felde
Nr.  1?  Da  die  Erzeugung  für  die  Nachfrage  nicht  genügt,  sagt  er,
steigen  die  Preise,  und  nur  wenn  sie  eine  genügende  Höhe
erreicht  haben,  um  in  normaler  Weise  das  Kapital  und  die  Arbeit,
die  in  die  neuen  Felder  gesteckt  worden  sind,  zu  entlohnen,  wird
man  Felder  zweiter  Qualität  in  Bewirtschaftung  nehmen 1 ).
Was  ist  nun  hier  die  Ursache  der  Rente?  Sie  beruht  offenbar
auf  dem  Steigen  der  Nachfrage  und  nicht  auf  der  Inangriffnahme
des  Anbaues  auf  den  Feldern  Nr.  2,  da  diese  Inangriffnahme  nach
der  Preiserhöhung  eintritt 2 ).  Und  weiter!  Die  Wirkung  dieser  neuen
Bewirtschaftung  wird  nicht  darin  bestehen,  die  Bildung  der  Rente  hervorzurufen, ­
  sondern  im  Gegenteil  ihr  entgegen  zu  wirken—,  indem
sie  dem  weiteren  Steigen  der  Preise  Einhalt  tut,  weil  dieser  Steigerung
durch  die  Vermehrung  der  auf  dem  Markt  befindlichen  Menge  Grenzen
gezogen  werden.  Die  Rente  von  den  Feldern  Nr.  1  ist  daher  eine
Seltenheitsrente,  die  unmittelbar  auf  dem  Steigen  der  Nachfrage  beruht ­
  und  von  jeder  Verschiedenheit  in  der  Güte  der  Felder  unabhängig
ist.  Die  wirkliche  Ursache  der  Rente  auf  allen  Feldern  (auf  denen  der
besten  wie  der  schlechtesten  Beschaffenheit)  ist  daher  stets  dieselbe:
die  Unzulänglichkeit  des  Angebots  im  Verhältnis  zur  Nachfrage.
Der  gleiche  Gedankengang  läßt  sich  auf  alle  anderen  Differentialrenten ­
  anwenden,  die  in  dem  vorhergehenden  Paragraphen  aufgeführt
Totalgewinn  zu  erzielen.  Das  ist  nicht  der  Fall  für  die  Besitzer  des  Grund  und
Bodens.  Wenn  es  ein  Monopol  ist,  so  ist  es  auf  alle  Fälle  ein  unvollständiges  Monopol.
Stüaht  Mill,  Principles,  B.  III,  Kap.  V,  §  1.
2 )  Dieses  Argument  führt  schon  J.-B.  Say  in  seiner  Polemik  gegen  Eicaedo
an.  Er  sagt:  „Wer  sieht  nicht  ein:  wenn  das  Anwachsen  der  gesellschaftlichen
Bedürfnisse  den  Getreidepreis  auf  eine  Höhe  treibt,  die  es  gestattet,  die  schlechtesten
Beider  in  Bewirtschaftung  zu  nehmen,  vorausgesetzt  man  kann  auf  ihnen  den  Lohn
seiner  Arbeit  und  den  Profit  seines  Kapitales  finden,  erst  dies  Anwachsen  der
gesellschaftlichen  Bedürfnisse  und  der  Preis,  den  die  Gesellschaft  zu  zahlen  imstande
ist,  um  Getreide  zu  erlangen,  es  ermöglichen,  einen  Grund-  und  Bodenprofit  auf  den
besseren  oder  günstiger  gelegenen  Feldern  zu  finden?“  (Traite,  6.  Ausg.  S.  410).
Er  fährt  fort,  indem  er  sagt;  „D.  Ricardo  zeigt  in  demselben  Kapitel  sehr  gut,
daß  der  Grund-  und  Bodenprofit  nicht  die  Ursache,  sondern  die  Wirkung  des
Bedürfnisses  ist,  das  für  Getreide  besteht;  und  die  Gründe,  die  er  anführt,  können
dazu  dienen,  um  gegen  ihn  zu  beweisen,  daß  die  anderen  Produktionskosten,  besonders
die  Arbeitslöhne,  ebensowenig  die  Ursache,  sondern  die  Wirkung  des  Marktpreises
der  Produkte  sind“.  —  Ricardo  scheint  nahe  daran  gewesen  zu  sein,  sich  überzeugen
zu  lassen.  Siehe  vorhergehende  Seite,  Anm.  2.
            
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