Full text : Die Regierung im Kampfe gegen die Sozialverischerung

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meldespiel  wird  sich  das  ganze  Jahr  hindurch  in  hnnderttausenden  Fällen,  zuweilen
in  kurzen  Terminen,  von  Woche  zu  Woche,  von  Tag  zu  Tag  wiederholen.  Dabei
werden  sich  die  Versicherungsbcdingungen  dieser  Personen  von  Woche  zu  Woche,
von  Tag  zu  Tag  verändern.  Bald  werden  sie  der  Kranken-,  Invaliden-  und
Altersversicherung  unterliegen,  bald  nur  der  Altersversicherung,  bald  wird  der
Unternehmer  einen  Teil  der  Prämien  aufzubringen  haben,  bald  werden  diese  die
Versicherten  (als  Selbständige)  zur  Gänze  treffen.
Die  Regierungsvorlage  sucht  hier  wohl  einen  Ausweg,  indem  sie  bestimmt,
daß  der  Selbständige,  der  in  Lohnarbeit  tritt,  verlangen  kann,  daß  er  in  der
bisherigen  Lohnklasse  versichert  wird;  das  kann  sich  aber  nur  zu  einem  System
des  Lohndruckes  gestalten,  über  die  Schwierigkeiten  hinweghelfen  wird  es  nicht.
Weit  wichtiger  ist  jedoch  noch,  daß  durch  die  Einbeziehung  der  Selbständigen
und  ihrer  Familienangehörigen  eine  Art  Lottcriespicl,  ein  Moment  der  Unsicherheit, ­
  in  die  Sozialversicherung  gelangt.  An  Stelle  des  heutigen  sicheren  Zustandes
kommt  ein  ungeheures  Personenreservoir,  das  den  größten  Teil  der  erwachsenen
Bevölkerung  Oesterreichs  umfaßt,  so  daß  jeder  Einzelne  nach  Belieben  und  nach
dem  jeweiligen  Interesse  in  die  Versicherungsinstitutionen  Aufnahme  finden  kann
oder  nicht,  es  aber  auch  jedem  Einzelnen  möglich  ist,  nach  Belieben  und  Interesse
sich  bald  als  Selbständiger,  bald  als  Unselbständiger  in  die  Vcrsichcrungsinstitute
aufnehmen  zu  lassen.
Verlange  ich  die  Abgrenzung  nach  unten,  so  ist  es  für  mich  unzweifelhaft, ­
  daß  die  nach  oben  gezogene  Grenze,  wenn  man  einmal  den  Versichcrungszwang
  statuieren  will,  fallen  muß.  Die  Schwierigkeiten  einer  Scheidelinie, ­
  man  mag  sie  mit  dem  Einkommen,  der  Zahl  der  beschäftigten  Arbeiter  oder
sonst  einenr  Merkmal  der  wirtschaftlichen  Stärke  in  Verbindung  bringen,  sind  viel
zu  groß.  Ueberdies  verliert  die  Bedürfnisfrage  bei  einem  steuerpflichtigen  Einkommen ­
  von  2400  Kronen  ihr  Gewicht  wirklich  nicht,  es  scheint  mir  deshalb  das
richtigste  zu  sein,  die  Grenze  nach  oben  fallen  zu  lassen,  und  dafür  den  Industriellen ­
  und  Großgrundbesitzern  das  Recht  einzuräumen,  sich  von  der  Zwangsversicherung ­
  zu  befreien.
Unumgänglich  notwendig  ist  dagegen  die  Abgrenzung  nach  unten  zwischen
Selbständigen  und  Unselbständigen,  wobei  der  Grundsatz  zur  Anwendung  gelangen
muß,  daß  die  Betriebsinhabcr,  die  einen  erheblichen  Teil  des  Jahres  Lohnarbeit
verrichten,  dauernd  als  Lohnarbeiter  zu  versichern  sind.  Dagegen  kann  der
Saisoncharakter  der  Landwirtschaft  nicht  geltend  gemacht  werden.  Diesen  hat  sie
mit  dem  Baugewerbe,  der  Bekleidungsindustrie  rc.  gemeinschaftlich.  Nur  Landwirte, ­
  die  ihre  wirtschaftliche  Selbständigkeit  wesentlich  auf  den  Ertrag  des  eigenen
Grund  und  Bodens  aufgebaut  haben,  gehören  in  die  Selbständigcnversicherung.
Der  Altersaufbau  der  Selbständigen.
Neben  der  Zahl  der  Selbständigen  und  ihren  ständigen  Schwankungen
durch  das  Pendeln  zwischen  den  sozialen  Schichten  kommt  ferner  bei  Prüfung
der  Sachlage  der  Altersaufbau  der  hier  in  Betracht  kommenden  Personen  in
Frage.  Diese  Seite  wird  von  der  Regierung  über  Gebühr  vernachlässigt.  Nach
der  Annahme  der  Regierung  selbst  hängt  die  Zahl  der  Rentner  und  damit  auch
die  Höhe  der  Beträge  wesentlich  von  der  Alterszusammensetzung  der  Versicherten
ab.  Es  ist  sehr  belangreich,  zu  wissen,  wie  cs  damit  bei  den  selbständig  Erwerbstätigen ­
  bestellt  ist.
Nach  der  Berufszählung  vom  31.  Dezember  1900  gehörten  in  Landwirtschaft, ­
  Industrie,  Handel  und  Verkehr  den  Altersjahrgängen  über  50  Jahre  rund
2,451.000  erwerbstätige  Personen  an.  Davon  waren  nicht  weniger  als  1,122.000
Selbständige,  so  daß  auf  diese  Schichte  45 - 8%,  nicht  viel  weniger  als  die  Hälfte  der
            
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