Full text : Wie Deutschland seine Schulden bezahlen kann!

21

lichkeit.  Die  Sache  liegt  heute  so,  daß  mau  eigentlich  kaum  jemand
in  Steuersachen  über  den  Weg  trauen  kann.  Wenn  auch  nicht  jeder
unehrlich  ist,  so  kann  man  doch  sagen,  daß  säst  jeder  den  Wunsch
hat,  die  Steuerbehörde  zu  hintergehen.  Dieser  unmoralische  Zustand
sollte  unbedingt  beseitigt  werden.  Es  wäre  wünschenswert,  daß  hinsichtlich ­
  der  Steuerangaben  jeder  Mensch  sich  der  größten  Wahrhaftigkeit ­
  und  Gewissenhaftigkeit  befleißigte.  Das  ist  moralisch  richtig
und  zu  wünschen,  praktisch  aber  wohl  kaum  zu  erreichen.  Immerhin
darf  wohl  so  viel  als  sicher  angenommen  werden,  daß  bei  erträglichen
Steuersätzen  die  Angaben  wahrer  und  gewissenhafter  fein  werden,
als  bei  derart  hohen  Steuerfätzen,  wie  wir  sie  gegenwärtig  haben;
diese  reizen  allerdings,  fo  traurig  es  klingen  mag,  zu  falschen,  d.  h.
niedrigeren,  Angaben  des  Einkommens.  Die  Steuergesetzgebung  muß
daher  schon  aus  diesem  Grunde  das  Bestreben  haben,  die  Steuersätze ­
  möglichst  erträglich  zu  gestalten;  sonst  erreicht  sie,  wie  die  Gegenwart ­
  zeigt,  das  Gegenteil  von  dem,  was  sie  will.
Im  übrigen  wird  die  Frage  der  Selbsteinschätzung  uns  noch
im  Hauptkapitel  dieser  Schrift  beschäftigen,  so  daß  wir  uns  an  dieser
Stelle  auf  eine  kurze  Andeutung  beschränken  können.  Es  sei  nur
noch  daran  erinnert,  daß  auch  bei  Einführung  der  Miquelschen
Steuerreform  ein  ganzes  Meer  von  Zweifeln  und  Bedenken  aufgestiegen ­
  ist,  und  daß  man  damals  ein  solches  System  für  gänzlich
undurchführbar  erklärte.  Die  Folgezeit  hat  bald  bewiesen,  daß  die
Annahmen  jenes  mit  wahrhaft  staatsmännischem  Blick  begabten
Reformators  nicht  falsch  gewesen  sind.  Gerade  die  Steuerpolitik  hat
neben  ihren  materiellen  Aufgaben  auch  die  Pflicht,  in  ideeller  Beziehung
als  Volkserzieherin  zu  wirken;  sie  darf  natürlich  nicht  Unmögliches
oder  zu  Schweres  verlangen,  sie  muß  eine  der  ersten  Bedingungen
jeder  Pädagogik  erfüllen,  d.  h.  von  ihrem  Zögling,  in  diesem  Fall
der  ganzen  Bevölkerung,  nur  das  fordern,  was  dieser  ohne  allzu
große  Mühe,  ja,  vielleicht  sogar  mit  einer  gewissen  Luft  und  Befriedigung ­
  zu  leisten  vermag.  Wird  aber  diese  Voraussetzung  erfüllt,
so  kann  es  nicht  ausbleiben,  daß  das  der  Bevölkerung  entgegengebrachte ­
  Vertrauen  wiederum  Vertrauen  erzeugt.  Dieses  psychologische ­
  Moment  darf  aber  nicht  unterschätzt  werden,  und  wenn  in
meinem  Plan  die  freiwillige  Selbsteinschätzung  eine  bedeutende  Rolle
spielt,  so  halte  ich  gerade  diesen  Umstand  für  einen  besonderen  Vorzug ­
  der  ganzen  Methode.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.