490 Vierter Teil. Weltwirtschaft und Handelspolitik. IV. Deutsche Handelspolitik.
verdoppelt haben. Seine Mehrausfuhr nach Deutschland steigt schon 1782—1792
von 400 000 £ auf 1 y 2 Millionen, von 1792—1814 auf 4 Millionen. Das mußte sich
natürlich mit dem Ende der Kontinentalsperre noch erhöhen. Im Jahre 1814 gingen
allein für 21654 000 Taler englische Baumwollenwaren in Deutschland ein. Die
englischen Waren gingen zu Schleuderpreisen weg; aber was lag an vorübergehenden
Verlusten, wenn man dadurch auf die Dauer den Markt gewinnen und ein faktisches
Monopol begründen konnte, — ein Manöver, das England damals weder zum
ersten- noch zum letztenmal mit Erfolg inszenierte. Die deutsche Industrie, die sich
eben erst von den Kriegszeiten zu erholen begann, vermochte dieser Konkurrenz nicht
Widerstand zu leisten. „Und so zerfielen", wie Weber sagt, „in jener Zeit auch noch
manche tüchtige Überreste der früheren deutschen Gewerbtätigkeit, welche dem Einfluß
von fast zwanzig Jahren verheerender Kriege nicht gewichen waren." Außerdem
hatten die linksrheinischen, vor kurzem noch französischen Gebiete Deutschlands ihren
Absatz nach Frankreich verloren. Am 20. März 1815 beschloß das englische Parlament,
um seine während der Kontinentalsperre künstlich erzogene Landwirtschaft zu er
halten, ein Gesetz, welches alle Korneinfuhr verbot, bis der Quarter Weizen den Preis
von 80 Schillingen erreicht habe. Das wirkte fast wie ein Einfuhrverbot und hemmte
die Ausfuhr des bedeutendsten Erzeugnisses Norddeutschlands, die sich in der Zeit
von 1790—1801 vervierfacht hatte.
Die schädlichen Wirkungen aller dieser Vorgänge zeigten sich am meisten zu Ende
des zweiten Jahrzehntes. Die herrschende Teuerung lähmte allen Unternehmungs
geist und damit die Kraft zum Widerstand. Allenthalben Rückgang, überall Mangel
an Beschäftigung, allerorts Klagen, — das war die Signatur des deutschen Handels
wie der deutschen Industrie in den Jahren nach dem großen Befreiungskriege! „Trostlos
ist dieser Zustand für Männer," sagt die von Fr. List verfaßte Petition des Handels
vereins noch im Jahre 1819, „welche wirken und handeln möchten; mit neidischen
Blicken sehen sie hinüber über den Rhein, wo ein großes Volk vom Kanal bis an das
Mittelländische Meer, vom Rhein bis an die Pyrenäen, von der Grenze Hollands
bis Italien aus freien Füßen und offenen Landstraßen Handel treibt, ohne einem
Mautner zu begegnen." In diesen Worten der Klage ist auch zugleich der Grund
ausgesprochen, dem man vor allem das Darniederliegen der deutschen Industrie zu
schreiben zu müssen glaubte.
2. Die Entstehung des Zollvereins.
Von Karl Theodor v. Eheberg.
Eheberg, Historische und kritische Einleitung zu Fr. Lifts Nationalem System der
politischen Ökonomie. Stuttgart, I. G. Cotta, 1883. S. 17 und S. 23—30.
Im Jahre 1828, das in dieser Beziehung als ein für Deutschlands Geschichte
außerordentlich bedeutsames bezeichnet werden muß, entstanden der Bayerisch-Würt-
tembergische Zollverein (18. Januar) und kurze Zeit nachher der Preußisch-Hessische
(14. Februar), als die ersten eigentlichen Zollvereine, welche die Geschichte kennt. . . -
Roch im Jahre 1828 suchten Bayern und Württemberg auf Veranlassung des
letzteren auch mit anderen deutschen Ländern, und zwar zunächst mit dem zollver
einten Preußen-Hessen, bessere Verkehrsverhältnisse durch einen Handelsvertrag anzu
bahnen. Der Versuch war erfolgreich; beide Zollverbände gewährten sich durch Ver
trag vom 27. Mai 1829 manche Zollerleichterungen und verpflichteten sich auch, ihre
Zollsysteme immer mehr in Einklang zu bringen. Es versteht sich, daß dieser Vertrag
die vollständige Vereinigung der beiden Verbände und den Beitritt anderer Staaten
sehr zweckmäßig vorbereitete.