Steuerpolitische Maßnahmen.
93
5. So ist im Augenblick, d. h. unter den nach der politischen
Umwälzung eingetretenen Verhältnissen, selbst von den auf die
Verminderung der Kaufkraft hinzielenden steuerpolitischen Maßnahmen
keine durchgreifende Ermäßigung der Preise, keine allgemeine
Herabsetzung der hohen Preise zu erwarten 1 ). Die Senkung
der Preise kann daher im gegenwärtigen Augenblick
nur von der Warenseite her erfolgen. Die Vermehrung
der umsatzfähigen Güter, in erster Linie der Lebensmittel,
muß den Anstoß zur Abwärtsbewegung der Preise geben.
Billigere Lebensmittel, überhaupt geringere Ausgaben für die
Lebenshaltung, Aufhören der Lohnsteigerungen, Herabsetzung der
besonders hohen Löhne, vermehrte Gütererzeugung, größeres
Angebot von Waren: das ist allein der Weg, der zu einem Abbau
der Preise führt. Der circulus vitiosus, der darin liegt, daß die
Herabsetzung der Lebensmittelpreise eine Herabsetzung der Löhne
und diese wieder eine Herabsetzung der Lebensmittelpreise zur Voraussetzung
hat, kann dadurch umgangen werden, daß die aus
dem Ausland bezogenen Lebensmittel zu niedrigen Preisen im
Inland abgegeben werden 2 ). Ob und wie die Einfuhr von Waren
zu steigern ist, hängt allerdings nicht nur von unserem guten
Willen ab, sondern auch von der Bereitwilligkeit der Entente, der
Erhältlichkeit von Krediten und der Ausfuhr von deutschen Waren
nach dem Ausland. Inwieweit diese Voraussetzungen vorhanden
sind oder in nächster Zeit geschaffen werden können, kann hier
nicht erörtert werden. Nur daß die Einfuhr von Lebensmitteln
6.
und Rohstoffen gesteigert werden muß, wenn wir von den hohen
Preisen herunterkommen wollen: das ist in diesem Zusammenhang
mit allem Nachdruck hervorzuheben. Die Vermehrung der Lebensmittelmenge
kann allein die über Gebühr hochgetriebenen Schleichhandelspreise
zum Rückgang bringen. Nur von hier aus kann der
V
zuzulassen. Endlich muß—wie dies im Text betont worden ist — Vorsorge getroffen
werden, daß diejenigen, die Kapital zu volkswirtschaftlich dringenden Zwecken
benötigen, dieses durch Bereitstellen besonderer Krediteinrichtungen erhalten.
!) Mit dieser Feststellung stehen die Äußerungen des Reichsfinanzministern
Schiffer, nach denen die starken Vermögenssteuern eine Senkung der Preise
zur Folge haben sollen, in gewissem Widerspruch. Er dürfte sich daraus erklären,
daß damals die Bedeutung der Löhne für die Preise noch nicht so stark
in den Vordergrund getreten war.
2 ). Dasselbe betont in eindringlicher Weise Prof. Dr. W. Zimmermann in
einem Aufsatz: Arbeitslosigkeit, Lohnbeihilfen oder Preisabbau in der Frankfurter
Zeitung vom 29. April 1919.