Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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und  gegen  Ende  1889  zeigte  es  sich  deutlich,  daß  das  Sozialistengesetz  in
der  alten  Form  nicht  werde  fortleben  können.  Die  Treugebliebenen  sahen
die  Zeit  gekommen,  das  Werk  von  neuem  aufzunehmen.  Am  10.  Oktober  1889
ward  im  alten  Geist  eine  neue  Organisation  geschaffen,  die  den  Namen  erhielt:
„Freie  Vereinigung  der  Kaufleute",  und  als  führende  Mitglieder  sehen
wir  wieder:  A.  Auerbach,  A.  Lintze,  L.  Liepmann,  G.  Miecker  und  K.  Rosenthal, ­
  denen  sich  später  u.  a.  Willy  Friedländer,  Berthold  Key  mann,  Alb.
Kohn,  Zul.  Lissauer,  Benno  Maaß,  Aug.  Penn,  Jul.  Türk  und  Jakob
Wiebe  in  Agitations-  und  Verwaltungsarbeit  zugesellen.  Am  27.  Oktober
1889  hielt  sie  ihre  erste  öffentliche  Versammlung  mit  einem  Referat  Lintzes
über  die  Zustände  in  den  Kolonialgeschäften  ab,  am  24.  Januar  werden
in  einer  von  ihr  gemeinsam  mit  den  Organisationen  der  Lausdiener  und
der  Landels-  und  Transportarbeiter  veranstalteten  großen  Versammlung,
nach  Referaten  von  Vertretern  aller  drei  Berufe,  Resolutionen  gefaßt,
welche  die  Bestimmung,  daß  die  Geschäfte  an  Sonn-  und  Feiertagen
spätestens  12  Ahr  mittags  zu  schließen  sind,  als  Mindestforderung  all  dieser
Berufsgruppen  bezeichnen  und  sich  für  Demonstrationen  am  1.  Mai  zugunsten ­
  des  Achtstundentages  aussprechen.  Eine  noch  größere  Versammlung ­
  wurde  am  24.  Februar  1890  zur  Erkämpfung  der  Sonntagsruhe  der
Landelsgehilfen  abgehalten.  Sie  zählte  weit  über  2000  Teilnehmer,  die
dem  Referenten  Auerbach  und  dem  in  der  Debatte  das  Wort  nehmenden
Paul  Singer  begeistert  zustimmten  und  eine  aus  den  Sozialdemokraten
Lintze,  Kannengießer  und  Rosenthal  und  dem  Freisinnigen  Noah
zusammengesetzte  Deputation  beauftragten,  dem  Minister  von  Berlepsch  die
Resolution  der  Versammlung  zu  unterbreiten,  selbst  aber  nach  Lochrufen
auf  die  Sozialdemokratie  unter  Absingen  der  Arbeitermarseillaise  auseinandergingen.
  Vor  dem  Minister,  der  die  Deputation  empfing,  entwickelten ­
  Lintze  und  Roscnthal,  daß  die  Forderungen  der  Landelsgehilfen  volle
Sonntagsruhe  und  gesetzliche  Verkürzung  der  täglichen  Arbeitszeit  lauteten,  die
Beschränkung  der  Verkaufszeit  an  Sonntagen  könne  nur  eine  Äbergangsmaßregel
  sein.  Berlepsch  meinte,  man  könne  in  diesen  Dingen  dem  Lund
den  Schwanz  nur  stückweise  abhacken,  versprach  aber,  sich  dafür  einzusehen, ­
  daß  die  Läden  an  Sonntagen  keinesfalls  über  3  Ahr  mittags  hinaus
offen  gehalten  werden  dürften  und  daß  über  die  Arbeitszeit  im  Landelsgewerbe
  amtliche  Erhebungen  veranstaltet  würden,  was  er  denn  auch  gehalten ­
  hat.  Es  kam  als  erster,  praktischer  Erfolg  des  fast  zehnjährigen,
mühevollen  Kampfes  für  die  Sonntagsruhe  im  Landelsgewerbe  das  Gesetz
vom  1.  Juni  1891  zustande,  das  die  Beschäftigung  von  Gehilfen,  Lehrlingen ­
  und  Arbeitern  im  Landelsgewerbe  an  Sonntagen  auf  fünf  Stunden
im  Tag  beschränkt,  und  die  Kommission  für  Arbeiterstatistik  ward  zu  einer
Erhebung  über  die  Arbeitszeit,  Kündigungsfristen  und  Lehrlingsverhältnisse ­
  im  Landelsgewerbe  veranlaßt,  die  sich  bis  zum  Jahre  1896
hinzog.
Diese  Erhebung  ward  von  der  „Freien  Vereinigung  der  Kaufleute"
mit  großer  Aufmerksamkeit  verfolgt  und  nach  Kräften  behufs  Förderung
einer  wirksamen  Gesetzgebung  ausgenutzt.  Der  Minister  ließ  auch  der
Vereinigung  einen  Fragebogen  zugehen,  und  diese  sorgte  nach  Kräften
dafür,  die  ungeschminkte  Wahrheit  ans  Licht  zu  bringen.  Sie  hatte  ein
neues,  im  sozialistischen  Sinne  gehaltenes  Organ  für  Landelsgehilfen
            
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