Full text : Bevölkerungslehre

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bewußt war, eine zu statke Zunahme der Bevölkerung müsse die
Grundlagen seines Staates sprengen.
Wesentlich eingehender hat sich Aristoteles mit solchen
Fragen befaßt. Schon Malthus hat die beiden griechischen Philosophen
 für seine Lehre in Anspruch nehmen wollen ?), aber er ist
dabei doch, wie Bortkiewicz gezeigt hat”), in mancher Hinsicht
zu weit gegangen. Doch auch Aristoteles hat die Bedeutung
des Volkswachstums für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung
 deutlich erkannt. Er hat Platons Staatsideal kritisiert, weil
dieser dem Volkswachstum nicht die genügende Beachtung geschenkt
habe. Zwar hat er darin Platon Unrecht getan, er hat aber doch
mit wesentlich größerem Nachdruck als Platon hervorgehoben, daß
eine Stabilität im Besitze nur möglich sei, wenn die Bevölkerung an
Zahl gleich bleibe. „Es ist auch“, so sagt er einmal, „verkehrt, wenn
der, welcher die Besitztümer gleich macht, über die Menge der Bürger
keine Einrichtungen trifft, sondern das Kindererzeugen der Willkür
überläßt. Wird aber hierüber nichts bestimmt, wie dies in den
meisten gegenwärtigen Staaten der Fall ist, so muß dies ... zur
Armut der Bürger führen und die Armut treibt zu Aufständen und
bösen Taten‘“%). Deshalb fordert Aristoteles, daß derjenige, der
für die Größe des Einzelbesitzes ein bestimmtes Maß aufstellen will,
auch die Größe der Kinderzahl gesetzlich festlegen müsse. In der
Wahl seiner Mittel geht der griechische Philosoph sehr weit, indem
er sogar die Aussetzung bei körperlicher Unzulänglichkeit gutheißt.
Es handelt sich aber keineswegs nur um den Zusammenhang
zwischen Volkswachstum und Besitzverteilung. Schon Platon hatte,
als er in seiner „Politeia“*) von der Entstehung und dem Wachstum
der Staaten sprach, dargelegt, daß das Land, das ursprünglich noch
genügt habe, um alle Bürger zu ernähren, nun zu klein werden
müsse. Er läßt den Glaukos die Frage des Sokrates „also sind wir
gezwungen, unseren Nachbarn ein Stück Land abzuschneiden, wenn
wir genügend Weide und Ackerland haben wollen?“, bejahen. Die
weitgehende Bekämpfung des Volkswachstums durch Aristoteles
verstehen wir, wenn wir im Auge haben, daß für ihn die Autarkie
des Staates oberstes Ideal war, wobei die Herrschaft in den Händen
des Mittelstandes liegen sollte. Sicherlich haben bei ihm dabei die

Erster geschichtlicher Teil

') Versuch über das Bevölkerungsgesetz, 1. Buch, Kap. 13.
2) War Aristoteles Malthusianer? Z. f. d. ges. Staatswissenschaft, 62. Jahrgang,
1906. — Ferner R. Gonnard, Histoire des doctrines de la population, Paris 1923.
3) Politik. Übers. v. Kirchmann, 1880, 2, Buch, Kapitel 6.
1) Übersetzung von K. Preisendanz, 1910, S. 71,
            
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