18 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.
folgende Massen voraus; der Unterschied liegt nur in der verschiedenen Art der Be—
festigung und Stellung der Autoritäten, in der verschiedenen Krystallifierung und
Organisierung der Kräfle, in der loseren oder gebundeneren Wechselwirkung zwischen
Spitze und Peripherie.
10. Die einzelnen Bewußtseinskreise. Haben wir bisher die geistigen
Kollektivkräfte im allgemeinen kurz zu charakteristeren gesucht, so ist jetzt noch ein
Wort über ihre Erscheinung im einzelnen beizusügen. Es kann freilich dabei nicht
die Absicht sein, sie erschöpsend aufzählen oder darstellen zu wollen. Nur das Aller—
wichtigste kann berührt, einiges mit unserem Zwecke enger Zusammenhängende er—
wähnt werden.
Die Bewußtseinskreise, die auf täglicher oder häufiger persönlicher Berührung
und Aussprache beruhen, haben eine andere Farbe, erzeugen einen anderen Kitt des Zu⸗
sammenhangs, als die auf schriftlichem Gedankenaustausch, auf Vermittelung durch
zahlreiche persönliche Mittelglieder beruhenden. Wo aller Zusammenhang der Menschen
untereinander auf bloßem Sehen und Sprechen beruht, der schriftliche Verkehr und die
feste Überlieferung noch fehlt, da werden zwar nur kleine, oft auch wenig fest gefügte
Gemeinwesen entftehen können, aber es werden doch je nach den Menschen und ihren
Gefühlen zwischen den Nächststehenden innerhalb Stamm, Sippe und Familie um so
festere sympathische Bande fich schließen können. Wo das Stammleben größere
Menschenzahlen umfaßt, sich stärker und fester entwickelt, müssen bestimmte Einrichtungen
das tägliche oder östere Sehen herbeiführen, es müssen Versammlungen, Feste, Kriegs⸗
übungen einen immer sich erneuernden Kontakt schaffen. Die antiken Städtestaaten und
die mattelalterlichen Städte erzeugten so in sich einen Gemeingeist, den große Staaten
trotz Presse und Litteratur niemals haben können. Größere sociale Gebilde kommen
dann durch Stammesbündnifse oder Unterwerfung zustande, welche aber meist Sprach—
derwandtschaft oder Sprachverschmelzung und die Entstehung gemeinsamer Regierungen,
Heiligtümer und Gottesverehrung voraussetzen oder im Gefolge haben. Im übrigen
setzt die Entstehung größerer Bewußtseinskreise von zerstreut, in weiten Gebieten lebenden
Menschen und damit die Entstehung größerer Staaten stets den schriftlichen Verkehr
bporaus. Derselbe kann freilich zunächst auf eine herrschende Klasse beschränkt sein, welche
in sich fest zusammenhängend, weit zerstreut wohnt, überall mit den lokalen Kreisen
Fühlung hat, sie zu behandeln versteht. So hat die römische Aristokratie den orbis
erraxum, später der katholische Klerus halb Europa mit der Lateinsprache umspannt
und regiert. So hat das moderne Beamtentum die meisten europäischen Staaten zu
einer Zeit einheitlich zu verwalten angefangen, ehe noch der Lokal- und Provinzial—
geist dom nationalen beherrscht war. Doch hat der letztere nach und nach sich zu
zinem immer mächtigeren und stärkeren Bewußtseinskreis entwickelt; die großen euro—
päischen Nationalsprachen und -Litteraturen, das nationale Recht und die nationalen
Staatseinrichtungen, eine große gemeinsame Geschichte knüpften die Bande des Blutes
und der Heimat für Millionen so fest, daß das Volkstum als solches zum ersten Princip
gesellschafllicher Gruppierung in der neueren Geschichte nach und nach werden konnte.
Und eben deshalb sprechen wir heute von einem Volksgeist und meinen damit die starken,
einheitlichen Gefühle, Vorstellungen und Willensimpulse, welche alle anderen im Volke
enthaltenen kleineren Kreise und Gegensätze, alle Mitglieder eines Volkes einschließen
und beherrschen. Wir sagen, ein Volk sei gesund, so lange diese centralen Kräfte stärker
sind als die trennenden Gefühle und Strebungen. Ein Volk in jenem stolzen Sinne,
in welchem Fichte seine Reden an die deutsche Nation hielt, ist nur ein solches, das
von der Erinnerung an eine große Vergangenheit beherrscht ist, in dem sehr starke ein—
heitliche Gefühle und Geistesströmungen vom letzten Bauer und Proletarier bis zur Spitze
hinaufreichen, in dem alle oder die Mehrzahl bereit ist, das Äußerste, selbst das Leben
für das Vaterland und seine Zukunft zu opfern.
Wenn das deutsche Wort „Volk“ gerade in diesem Sinne mit Vorliebe gebraucht
wird, wenn auch in den Begriff der Volkswirtschaft davon etwas übergegangen ist, so
schließt das doch nicht aus, daß im Volke wie in jedem großen Bewußtseinskreisfe viele