Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

224 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel. 
alterlichen Charakters? Brach der in den Tiefen seiner Brust 
rauschende Quell religiösen Lebens plötzlich hervor? 
Am 17. Juli 1505 trat Luther in das Kloster der 
Augustiner-Eremiten zu Erfurt. Seine Familie fluchte ihm; 
der Vater, um große Hoffnungen betrogen, hat noch im Jahre 
1507 seinen Sohn als jungen Priester nur mit Widerwillen 
wiedergesehen und ihm bei der festlichen Tafel nach der Primiz 
statt mit Glückwünschen vielmehr mit Vorhaltungen über die 
ernachlässigten Pflichten des vierten Gebotes zugesprochen. 
Bot der Orden dem jungen Mönche Ersatz für die ver— 
lorene Vaterliebe? Der Orden der Eremiten des h. Augustin 
war, nach vergeblichen Versuchen der Päpste Gregor IX. und 
Innocenz IV., die regellos lebenden Eremiten zu vereinigen, 
durch Alexander IV., um die Mitte des 18. Jahrhunderts in 
Italien begründet worden. Nach Deutschland kam der neue 
Orden sehr früh; die urkundlichen Nachrichten über seine Ver— 
breitung beginnen schon mit dem Jahre 1256; und mit seine 
ersten Niederlassungen sind die Sammungen zu Gotha und 
Erfurt. Im 14. Jahrhundert ist der Orden dann sehr empor—⸗ 
zeblüht; man hatte ihn gern in den Stäödten, seine Prediger 
namentlich waren gesucht; und in Karl IV. fand er einen 
freigebigen Gönner. Diese glückliche Ausbreitung wurde im 
15. Jahrhundert freilich teilweise durch innere Gärungen ver— 
langsamt; aber in ihnen hob sich aus der Masse der Klöster 
ein Verband besonders strenger Observanz empor, die sächsische 
Kongregation. Zu ihr gehörte neben den Klöstern zu Magde— 
hurg, Nürnberg und München auch Erfurt; und im Jahre 
1503 ward sie durch neue Konstitutionen nochmals in sich ge— 
festigt. Doch führte diese Absonderung zu keiner abweichenden 
Lehre, wenn auch auf die Lektüre der Bibel besonderes Gewicht 
zelegt ward. Eher könnte man von einer besonderen kirch— 
lichen Praxis sprechen. Zur Zeit Luthers waren die Augu— 
stiner-Eremiten der sächsischen Kongregation zweifelsohne einer 
der strengsten Orden; die Askese blühte in den Mauern ihrer 
Klöster, und sie ging nicht in bloß äußeren Formen auf; 
Zelbstprüfung ward dem Novizen zur Pflicht gemacht, und
	        
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