176 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
Aber schon 1820 ist der Ton aufs Ruhigere gestimmt;
Maßmann dichtet „Ich hab mich ergeben mit Herz und mit
Hand“; und sein Lied folgt bereits der Melodie des wehmuts⸗
vollen und nur noch im Verzichte mutigen Burschenliedes „Wir
hatten gebauet ein stattliches Haus“.
In der Burschenpoesie der Universitäten ist dann das
leuchtende Feuer der Lyrik der Freiheitskriege verglommen:
nicht ohne noch grelle Funken zu sprühen, ehe es prasselnd in
sich versank:
Stolz, keusch und heilig sei,
Gläubig und deutsch und frei
Hermanns Geschlecht!
Zwingherrschaft, Zwingherrnwitz
Tilgt Gottes Racheblitz:
Euch sei der Herrschersitz,
Freiheit und Recht! Karl Follen.)
Wie wir bald hören werden, war es die öde Politik der
Restaurationszeit, die bald alle Regungen nicht bloß freiesten,
sondern jeglichen Fortschritts erstickte.
Die junge Vaterlandsdichtung hat aber in gewissem Sinne
die spätromantische Lyrik überhaupt eingeleitet. Im übrigen
freilich: welche Welt der Verschiedenheit lag schon zwischen ihr
und der Frühromantik auch nur der Form nach!
Nicht bloß die Blume welkt, das Duftgewebe
Der Frühe reißt, entflieht des Lenzes Prangen,
Nicht bloß erbleichen junge Rosenwangen:
Dem Geist auch droht's, daß er sich überlebe.
Wie kühn er erst auf freien Flügeln schwebe,
Dumpf genügsam bleibt er bald am Boden hangen.
O wißt ihr für sein grenzenlos Verlangen,
Weis' oder Dichter, keinen Trank der Hebe?
(Auqust Wilhelm Schlegel.)
In den klagenden Rhythmen dieser Verse, wie sie in der
Spätromantik auch nicht ein einziges Gegenstück finden, hat sich
die Frühromantik zugleich selbst ihr Grablied gesungen. Nicht
ohne tiefe Einsicht. Denn das, was sie verzehrte, war in der Tat
der Ehrgeiz eines ikarischen Fluges, der Drang einer niemals zu