Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

318 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel. 
den „Scharffinn des Verstandes“ gegen den „Stumpfsinn des 
Gefühls“ ausspielen: des Gefühls, „das nur das Recht hat 
zu existieren, aber nicht zu produzieren“. Und ebenso bezeichnend 
war es, daß in den dreißiger bis sechziger Jahren auf dem 
Gebiete der bildenden Kunst die Bildnismalerei, bisher stets 
Mittel- und Höhepunkt einer freien germanischen Kunst in 
großen Zeiten, sei es nun in Deutschland oder Holland oder 
England, zu einem mageren und traurigen Spezialfach ent⸗ 
artete: als ob man das Persönliche selbst im Objekte der 
Phantasietätigkeit hätte verbannen wollen. Da konnte es denn 
nicht weiter wundernehmen, daß mit der intellektualistischen 
Austrocknung der Gedanken des Frühsubjektivismus zugleich 
ein beträchtliches Wiederaufleben der letzen Bildungen des 
individualistischen Rationalismus, wenn auch in veränderter 
Form, Hand in Hand ging. Die Zeiten kamen, da die Helden 
dieses Rationalismus, ein Lessing vor allem, wieder höchste 
Anerkennung fanden, da, wir werden noch davon hören, in 
den Kirchen beider Konfessionen die Anregungen aus der Philo— 
sophie des Klassizismus und der Romantik, in der katholischen 
Kirche Kants, in der evangelischen Kirche Schleiermachers, 
unter dem Schutte einer über sie von neuem entladenen älteren 
Orthodoxie wiederum versanken. 
Sollte nun von dieser Bewegung nicht auch das Herz 
der Geisteswissenschaften in subjektivistischer Zeit, die Geschichts⸗ 
wissenschaft, betroffen worden sein? Da mochte wohl Jakob 
Grimm noch auf der Germanistenversammlung des Jahres 1846 
die Phantasietätigkeit aller Wissenschaften Wissenschaft nennen, 
„weil sie gleich der leuchtenden Sonne in alle Verhältnisse der 
Menschen dringt“: eine neue Art geschichtlicher Betrachtung 
war inzwischen emporgedrungen, die unromantisch, gegen jeden 
Evolutionismus gerichtet, ja agenetisch war. Gewiß blieb sie 
dabei noch immer historisch: dies tiefste und durchdringendste 
Ferment der Wissenschaften des subjektivistischen Seelenlebens 
ließ sich seit 1750 nicht wieder beseitigen. Aber der geschicht— 
liche Charakter war oberflächlich und ging einseitig wieder mehr 
auf individualpsychische als auf sozialpsychische Beobachtung
	        
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