Kapitel II. Höhepunkt und Niedergang der klassischen Schule. Stuart Mill. 409
Stuart Mill, der diese Theorie an dem Punkt, an dem sie sie verlassen
hatten, wieder aufnimmt, kommt zu dem Schluß, daß die Industrie,
da sie notwendigerweise von dem Kapital begrenzt wird, an dem Tage
nicht mehr| wachsen kann, an dem die Menge des Kapitals stationär ge
worden sein wird. Von dem Augenblick an wird es zu einer zwingenden
Notwendigkeit, daß auch die Bevölkerung stationär werde, und so wird
das ganze wirtschaftliche Leben zum Stillstand kommen. Aber — und
dies ist es, was diesen Gedanken so bestechend macht, — wenn' sich
Stuart Mill über diese Perspektive vom wirtschaftlichen Gesichtspunkt
bestürzt zeigt, so erfüllt sie ihn vom moralischen Gesichtspunkt aus mit
Freude. „Ein solcher Zustand“, „sagt er, ist dem jetzigen bedeutend
vorzuziehen.“ Warum nun? Weil er glaubt, daß der Strom der mensch
lichen Energie deshalb noch nicht versiegen, sondern nur sein Bett ändern
und neue Felder befruchten wird. An dem Tage, an dem die Menschen
müde sein werden, den einzigen Inhalt ihres Lebens darin zu sehen, „dem
Reichtum um seines bloßen Besitzes willen nachzujagen“ 1 ), werden
sie Befriedigungen höherer Art suchen. Mit einem Worte, er hofft, daß
alles das, was für den wirtschaftlichen Fortschritt verloren sein wird,
für den moralischen Fortschritt Gewinn bedeutet, und daß in diesem leisen
Verklingen der jetzt so leidenschaftlichen Wünsche das, was man die
soziale Frage nennt, gelöst, oder besser verschwunden sein wird 2 ). Und
üen die Volkswirtschaftler den stationären Zustand nennen“ (Principles, Bd. II,
S. 275—276 d. franz. Übers.).
Stuart Mill gibt die Ursachen an, die das Fallen des Profit bestimmen, —
wie auch die, die zeitweilig dieses Fallen verhindern: besonders Fortschritte in den
Produktionsmethoden, und umgekehrt, Vernichtung von Kapitalien durch Kriege
Und Krisen.
Es ist nicht unnötig, darauf hinzuweisen, daß das Wort Profit bei den englischen
klassischen Ökonomisten und besonders bei Stuart Mill nicht dieselbe Bedeutung
hatte, wie bei den französischen Ökonomisten. Die letzteren haben seit J.-B. Say das
Wort Profit angewendet, um besonders den Anteil des Unternehmers zu bezeichnen;
üen Anteil des passiven Kapitalisten nennen sie Zinsen (interet). Bei den englischen
Volkswirtschaftlem wurde jedoch die Funktion des Unternehmers nicht von der des
Kapitalisten unterschieden, weshalb das Wort Profit gleichzeitig zur Bezeichnung
dessen, was in Frankreich Profit und was Zins hieß, gebraucht wurde. Hieraus ergibt
eich folgendes: Während die Hedonisten unter den französischen Volkswirtschaftlern
logisch nachweisen können, daß unter einer hypothetischen Herrschaft der vollkommen
Leien Konkurrenz der Profit auf Null sinken würde, können die englischen Volkswirt
schaftler diese These nicht zugeben, weil für sie der Profit auch den Zins einschließt, der,
s o sehr er auch zurückgehen möge, als Entlohnung der Abstinenz notwendig bleibt.
Übrigens ist es die französische Auslegung des Wortes Profit, die sich heute überall
Bahn bricht.
ö In den ersten fünf Ausgaben hatte Stuart Mill diesen Satz in den berühmt
gewordenen Worten ausgedrückt: „den Dollar zu jagen und andere Dollarjäger zu
züchten“. Aber 1865, während des Sezessionskrieges für die Abschaffung der Sklaverei,
Veränderte er diese etwas anstößige Fassung.
a ) In einem der Briefe an Gustave d’Eichthal, die vor kurzem veröffentlicht
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