Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

11.  Nationale  Pflichten  der  Banken  und  der  Kapitalisten  im  Kriegsfälle.  307

20*

vergessen,  daß  eine  jede  neue  Schwächung  der  Börsen  durch  gesetzgeberische  Eingriffe
eine  Abrüstung  der  nationalen  Wehrkraft  bedeutet,  die  sich  im  Kriegsfälle  bitter
rächen  würde.
Wie  schon  aus  vorstehenden  Betrachtungen  hervorgeht,  wird  es  sich  im  Kriegsfall ­
  um  die  Befriedigung  zweier  ganz  verschiedener  Bedürfnisse  handeln.
Zunächst  um  einen  plötzlich  stark  anschwellenden  und  dann  allmählich  wieder
zurückflutenden  Bedarf  an  Geldumlaufsmitteln.  Er  wird,  wenn  alle  wirtschaftlichen
Faktoren  schon  zu  Friedenszeiten  solide  und  weitsichtig  gewirtschaftet  haben,  mit  Hilfe
des  Kriegsschatzes  und  der  Reichsbank  leicht  zu  decken  sein,  ohne  daß  Erschütterungen
entstehen.
Sodann  wird  es  sich  um  die  Beschaffung  größerer,  ja  sehr  großer  Summen  für
die  fortlaufenden  Kriegsausgaben  auf  dem  Anleihewege  handeln,  und  hierbei  kann  es
sich  weniger  um  die  Beschaffung  von  Geld  als  um  die  Inanspruchnahme  von  Kredit
handeln.
Daß  die  Reichsregierung  diesen  Kredit  ebensowohl  im  deutschen  Inland  wie  in
dem  am  Kriege  nicht  beteiligten  Auslande  in  reichem  Maß  genießen  wird,  darf  als
sicher  angenommen  werden.  Für  die  deutschen  Kapitalisten,  die  sich  an  deutschen
Kriegsanleihen  beteiligen  möchten,  wird  es  aber  darauf  ankommen,  ob  das  in  Friedenszeiten ­
  bestandene  Kreditsystem  auch  unter  den  durch  einen  Kriegsfall  veränderten
Verhältnissen  stichhält;  denn  nur  wenn  der  Kredit  im  Lande  unerschüttert  erhalten
bleibt,  wird  eine  Geldkrisis  vermieden  und  Geld  nicht  so  teuer  werden,  daß  auch  das
inländische  Kapital  sich  an  den  neuen  Anleihen  in  größerem  Maße  beteiligen  kann.
Hier  wird  es  sich  zeigen,  ob  auch  in  Friedenszeiten  jedermann  feine  nationale  Pflicht,
nicht  überschuldet  zu  sein,  erfüllt  hat;  ob  namentlich  nicht  zu  viel  Kredit  im  Ausland
in  Anspruch  genommen  worden  ist,  und  ob  die  Banken  und  sonstigen  Kreditgeber
auch  in  der  Kreditgewährung  Maß  und  Ziel  gehalten  haben  ....
Ist  aber  erst  einmal  der  Übergang  von  Friedens-  zu  Kriegsverhältnissen  auf
dem  Geldmarkt  und  im  Kreditwesen  überstanden,  so  ist  zu  beachten,  daß  das  Unglück
eines  über  Deutschland  hereinbrechenden  modernen  Krieges  binnen  kurzem  durch  Entziehung ­
  der  zum  Heeresdienst  einberufenen  Arbeitskräfte,  durch  Unterbindung  des
Exports,  durch  Störung  der  Schiffahrt  usw.  ein  derartiges  Zurückfluten  des  wirtschaftlichen ­
  Lebens  herbeiführen  muß,  daß  überall  im  Lande  Kapitalien,  welche  bisher
für  Betriebsmittel  und  für  die  Abwickelung  von  Handelsgeschäften  Verwendung
fanden,  ganz  von  selbst  für  eine  ganze  Reihe  von  Kriegsanleihen  disponibel  werden.
Dann  tritt  der  Zeitpunkt  ein,  wo  nicht  nur  aus  nationalem  Pflichtgefühl,  sondern
weil  eine  bessere  Verwendung  nicht  zu  finden  ist,  einheimische  Kriegsanleihen  willige
Aufnahme  finden.  —
Die  vorstehenden  Ausführungen  lassen  sich  dahin  zusammenfassen:  Jedermann,
insbesondere  auch  die  Banken  und  die  Kapitalisten,  haben  schon  in  Friedenszeiten
ernst  zu  nehmende  nationale  Pflichten  in  bezug  auf  die  Verwaltung  und  Verwendung
von  Kapitalien  zu  erfüllen.  Sind  diese  Pflichten  außer  acht  gelassen,  überrascht  uns
der  Krieg  in  einem  dem  Auslande  zu  sehr  verschuldeten  Zustande  und  genießen  wir
in  bezug  auf  eine  glückliche  Durchführung  des  Krieges  nicht  genug  Kredit,  so  würde  es
nichts  nützen,  daß  die  Banken  und  die  Kapitalisten  sich  erst  bei  Ausbruch  eines
Krieges  ihrer  nationalen  Pflichten  erinnerten;  denn  es  würde  ihnen  dann  an  den
disponiblen  Mitteln  zur  Betätigung  ihres  guten  Willens  fehlen.  Das  wirtschaftliche
Leben  kann  nicht  in  steter  Kriegsbereitschaft  verharren,  aber  es  kann  doch  dafür
gesorgt  werden,  daß  uns  auch  in  wirtschaftlicher  Beziehung  das  nationale  Unglück
eines  Krieges  nicht  ungerüstet  überrascht.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.