Full text : Sozialismus und Regierung

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füllt,  bezweifle  ich  auch  hier  wiederum,  ob  wir  vor  einem  unparteiischen ­
  Richter  unsere  Behauptung  beweisen  können,  daß  der  Zusammenprall ­
  der  beiden  Zivilisationen  auf  dem  vom  Imperialismus  gewählten ­
  Wege  der  weniger  widerstandsfähigeren  vorteilhaft  gewesen
sei.  Daß  wir  die  Eingeborenen  vielleicht  besser  regiert  haben  als  andere ­
  Nationen,  können  wir,  denke  ich,  beweisen.  Doch  das  genügt  nicht.
Welches  Schicksal  haben  wir  den  Rothäuten  bereitet?  Was  geschieht
mit  den  unter  unserer  Herrschaft  sich  befindlichen  Völkern  der  Inseln
des  Stillen  Ozeans,  wie  der  Fidschi-Inseln?  Wo  sind  die  Völker,  die  vor
uns  Australien  bewohnten?  Was  haben  wir  mit  den  Eingeborenen  in
Südafrika  gemacht?  Was  haben  wir  über  Indien  verhängt?  Auf  unsere
Lippen  drängt  sich  sofort  die  Antwort:  „Wir  haben  ihnen  Frieden  gebracht, ­
  wir  haben  ihnen  Frieden  gebracht.“  Doch  dies  ist  nur  Heuchelei. ­
  Haben  wir  ihnen  den  Fortschritt  gebracht?  Haben  wir  sie  auf  die
Höhen  geführt,  oder  haben  wir  ihnen  nur  befohlen,  innezuhalten,  ihre
Händel  einzustellen,  an  der  Langeweile  zu  sterben  ?  Die  Tatsachen
sprechen  nicht  sehr  zu  unseren  Gunsten.  Das  Ineinanderfließen  der
Zivilisationen  ist  für  beide  Teile  schädlich  gewesen.  Die  Regierungsmethode ­
  im  Osten  und  Süden,  die  die  Weisen  und  Gedanken  des
Westens  und  Nordens  nachahmte,  hat  es  dem  Osten  und  Süden  unmöglich ­
  gemacht,  sich  nach  ihren  eigenen  Anlagen  zu  entwickeln.
Gleichzeitig  hat  sie  aber  auch  dem  Osten  bewiesen,  daß  er  nie  ein
Westen  und  dem  Süden,  daß  er  nie  ein  Norden  werden  kann.  Zu  oft
haben  wir  Wüsten  geschaffen,  was  wir  dann  Frieden  genannt  haben.
So  wie  das  Zusammentreffen  zweier  Töne  von  verschiedenen  Wellenlängen ­
  Verwirrung  und  Stille  verursacht,  so  erzeugt  auch  die  Berührung ­
  zweier  Zivilisationen,  die  geistig  differieren  und  über  die  ein
anderer  Genius  schwebt,  Störung  und  Lähmung 1 .

1  Meredith  Townsend  begleitet  seine  Reflexionen  über  die  Unfruchtbarkeit  der
englischen  Erziehung  in  Indien  mit  folgenden  Bemerkungen:  „Für  den  philosophischen ­
  Beobachter  sind  der  Niedergang  der  Energievarietäten,  die  Erstarrung
des  höheren  Geisteslebens,  die  unterbrochene  Ausübung  der  künstlerischen  Fertigkeiten, ­
  von  der  Architektur  bis  zur  Metallfabrikation  und  Töpferei,  welche
Erscheinungen  unserer  Herrschaft  in  Indien  zeitlich  parallel  laufen,  melancholische ­
  Symptome.  Weshalb  ist  die  Welt  noch  nicht  um  ein  indisches  Talent  bereichert ­
  worden?  Einst  herrschte  an  den  Gestaden  des  Mittelmeeres  der  römische ­
  Friede,  der  jede  Originalität  tötete,  so  daß  es  eine  Frage  ist,  ob  sich  die  Gesellschaft ­
  nicht  stereotypiert  und  sich  selbst  das  Christentum  nicht  verknöchert
hätte,  wenn  der  Einfall  der  Barbaren  nicht  erfolgt  wäre?  Auch  unsere  Herrschaft, ­
  obgleich  ihre  Motive  und  Methoden  viel  edler  sind,  kann  von  demselben
Verfall  begleitet  werden".  {Asia  and  Europe,  p.  328).
            
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