Full text : Die deutschen Getreidezölle

186 Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

Handwerk und lokalen Märkten, später um die Haus- und Fabrikindustrie, um Kanäle
und Eisenbahnen, um die moderne Verkehrs-, Geld- und Kreditwirtschaft, so find alle
Stationen auf diesem Wege sehr schwer zurückzulegen, weil nicht nur ein Teil, sondern
das ganze Gefüge der Volkswirtschaft ein anderes werden muß. Man könnte sagen,
jeder Schritt auf dieser Bahn hänge von schwer erfüllbaren Bedingungen ab, sei nur
den hochstehenden Rassen und Völkern auf den Höhepunkten ihrer Kultur gelungen, es
sei anderen Völkern stets sehr schwer gefallen, diese Vorbilder nachzuahmen. Noch mehr
als jeder agrarische hing jeder dieser Fortschritte von den kompliziertesten pfychologischen,
moralischen und politischen Vorbedingungen ab. Die Ausbreitung städtischer Kultur,
päter der Hausindustrie, vollends des Fabrikwefens war mit socialen und institutionellen
Umwälzungen der tiefgreifendsten Art verknüpft. Wenn ein Land heute, um die doppelte
Zahl zu ernähren, seinen Export an Fabrikware ausdehnen, zum erheblichen Teile von
jremdem Getreide leben will, so muß die Staatsorganisation, das Verhältnis zum
Auslande, die eigene und die Macht der anderen Staaten, kurz so vieles glücklich
zusammenwirken, daß das Problem nur unter den günstigsien Bedingungen wenigen
Staaten gelingt. Es wird damit ein Zustand geschaffen, der nur miter bestimmten
internationalen und weltwirtschaftlichen Bedingungen sich erhalten kann; werden nämlich
durch ihn im Fabrik- und Exportgebiete Bevblkerungen von 8 — 18 000 Seelen pro
Geviertmeile unterhalten, so setzt das doch die politische und wirtschaftliche Abhängig—
keit von oder die völkerrechtliche Befreundung mit 10 —100 mal so großen Gebielen mit
1—3000 Seelen voraus; und der Zustand ist bedroht, wenn in den abhängigen
Gebieten die Gewerbe sich entwickeln, die dortige Rohstoffexportfähigkeit abnimmt.
Es ist also eine gänzliche Täuschung, wenn die Optimisten auf das eine Prozent
der Erdoberfläche mit 8000 Seelen und mehr hinweisen und sagen, die übrigen 99 Prozent
der Erde sollten ebenso dicht besiedelt werden. Ein bedeutender Teil der Kulturlauder
läßt schon heute keine Vermehrung der Bevölkerung um 100 200 0/0 mehr zu, wenn
nicht die Technik uns lehrt, Brot und Fleisch chemisch, statt auf dem Umwege durch die
Landwirtschaft herzustellen. Fur viele Gebiete ist allerdings ohne solche Wunder eine
erhebliche weitere Zunahme möglich. Aber wir müssen uns klar sein, daß sie, wie die
meisten alten Verdichtungen, von komplizierten, selten vorhandenen Voraussetzungen
abhängig ist. Sind doch historisch die Epochen und die Völker, denen das gelang, nicht
sehr zahlreich: die Zeit der griechischen, römischen und germanischen inneren Kolonisation,
die Epochen der großen, gut regierten Reiche im Orient, die Zeit des Hellenismus, die
Blütezeit der Romanen und der Araber und endlich die der europäischen Staaten der
letzten Jahrhunderte. Nur den fähigsten Völkern unter den besten Regierungen gelang
so zeitweise eine große Verdichtung: seltene intellektuelle und technische Fortschritte, eine
außerordentliche Steigerung der socialen Zucht, der Verträglichkeit und Moralität, ohne
die das engere Zusammenrücken und Zusammenwirken unmöglich war, eine große Ver—
vollkommnung der Gesellschaftseinrichtungen mußten sich die Hand reichen, um die
Verdichtung gelingen zu lassen, ohne daß Armut und Mißbehagen, schwerer Drug auf
die mittleren und unteren Klafsen, kurz alle Leiden der Übervölkerung daraus entsprangen.
Gelungene Verdichtung der Bevblkerung ist das Resultat vollendetster Staatskunst
und höchster Kultur, und zwar nicht bloß lechnischer, sondern ebenso moralischer und
geistiger, und nicht bloß einer hohen Kultur der führenden Spitzen, sondern ganzer
Völker. Die Menschheit hat wahrscheinlich Hunderttaufende von Jahren gebraucht, bis
fie zur Zeit vor Christi Geburt 100 200, jetzt 1500 Millionen Menschen zählte. Wer
will wagen zu sagen, in kurzer Zeit müßte es ihr gelingen, 6000 und 12 000 Millionen
zu umfafsen und immer weiter dohne Schwierigkeiten zu wachsen? —
Wir werden auch nach dem vorstehenden gerne zugeben können, daß es eine
absolute Übervölkerung wohl weder früher gegeben hat noch heute giebt, sofern wir
darunter nur eine Bevölkerung verstehen, die auch bei vollendetster und rasch fortschreitender
Technik, Verkehrsentwickelung, Kolonifation, Moral und Gesellschaftsverfassung nicht
die Möglichkeit hätte, auf ihrem Gebiet zu leben. Diese Voraussetzungen waren fast
nie oder nur sehr selten vorhanden. Die praktische Frage ist wesentlich die, ob eine relative
            
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