Full text : Die deutsche Hausindustrie

§  5.  Reformziele

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Schwierigkeiten,  die  von  der  Regierung  entgegengehalten  werden  —  zu  einer
allgemeinen  Ausdehnung  der  Invaliden-  und  Hinterbliebenenverficherung
auf  die  Heimarbeiter  kommen.
Eine  entfehiedene  Wendung  zum  Beffern  erwartet  die  Heimarbeit  von  der
Wohnungsgefetzgebung,  die  feitens  des  Reiches  wie  der  Bundesftaaten
  demnach  ft  zu  erledigen  fein  wird.  Der  innige  Zufammenhang  zwifchen
Heimarbeiternot  und  Wohnungsnot  ift  fo  augenfcheinlich,  daß  Graf  Pofadowsky
  einmal  im  Reichstage  fagen  konnte:  „Die  Wohnungsfrage  ift  die
Heimarbeiterfrage.“  Sehr  günftig  kann  hier  zunächft  einwirken  die  Wohnungsinfpektion,
  die  auf  die  Durchführung  der  im  Intereffe  von  Gefundheit  und
Sittlichkeit  erlaffenen  Vorfchriften  achtet,  daneben  aber  auch  die  Erziehung
der  Wohnungsinhaber  zu  einer  vernünftigen  Benutzung  der  Räume  bezweckt.
Gerade  wegen  diefer  erzieherifchen  Aufgabe  wäre  eine  Ergänzung  der  Wohnungsauf ­
  ficht  durch  weibliche  Kräfte  wünfehenswert.  —  Indes  die
beften  Abfichten  des  Wohnungsinfpektors  und  die  vorzügiiehften  Vorfchriften
für  gefunde  und  bequeme  Wohnungen  finden  bei  der  Durchführung  eine
harte  Grenze  an  dem  niedrigen  Lohneinkommen  der  Heimarbeiter  und  der
hohen  Miete.  Wichtig  trfcheint  darum,  abgefehen  von  einer  gründlichen
Inangriffnahme  der  Lohnfrage,  neben  den  Maßnahmen  repreffiver  Natur
eine  pofitive  Wohnungspolitik,  die  mit  den  Forderungen  einer
im  Intereffe  der  Arbeiterfchaft  und  der  kleinen  Leute  überhaupt  betriebenen
Wohnungsreform  zufammenfällt.  Vor  allem  ift  ins  Auge  zu  faffen  Fö  r  d  e  r  u  ng
und  Organifierung  des  Kleinwohnung  s^baues,  verbunden
mit  einer  fozialpolitifchen  Bau-,  Boden-  und  Steuerpolitik.  Gerade  der  Heimarbeiter ­
  wäre  von  einer  fchweren  Laft  befreit,  wenn  er  nicht  mehr  einen  unverhältnismäßig ­
  großen  Teil  feines  geringen  Lohneinkommens  für  eine  Wohnung
ausgeben  müßte,  die  zudem  noch  ungenügend  ift,  wenn  er  in  einer  billigen,
geräumigen,  durchlüftbaren  Wohnung  arbeiten  und  zugleich  mit  den  Seinen
ein  behagliches  Heim  finden  könnte.  *■)
Ein  Spezialgebiet  der  Hausinduftrie,  die  S  cT\  i  f  f  c  h  e  n  f  t  i  c  k  e  r  e  i,
bedarf  einer  internationalen  Regelung.  Beteiligt  find  an  diefer
Frage  vornehmlich  Deutfchland  (Plauen  und  Umgebung),  Öfterreich  (Vorarlberg ­
  und  Erzgebirge),  die  Schweiz  (St.  Gallen),  in  zweiter  Linie  Frankreich
und  die  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika.  Die  für  einige  Länder  fehr  bedrohliche ­
  Konkurrenz  könnte  am  beften  ausgefchaltet  werden  durch  eine  einheitliche ­
  Geftaltung  der  Arbeitszeit  fowohl  in  der  Hausinduftrie  wie  auch  in  den
mit  Automatftickmafchinen  arbeitenden  Fabrikbetrieben.  Die  Internationale

*)  Vgl.  E.  J  a  e  g  e  r,  Die  Wohnungsfrage,  M.Gladbach  1910.
Koch 2 ,  Die  deutfehe  Hausinduftrie

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