216
VII. Kap.: Selbfthilfe
befchränktes Abfatzgebiet handeln, das von den Schwankungen des Welt
marktes nicht zu fehr berührt wird. Die beften Abnehmer wären etwa
„Konfumentenvereinigungen“, wie Krankenhäufer, das Militär, Konfum-
vereine ufw. So erhalten die fpäter noch zu erwähnende Reinerzer
Zentrale für Hausinduftrie fowie andere Vereinigungen Aufträge von Heer
oder Marine. Vorausfetzung ift natürlich, dafz die Preife einen Wettbewerb
mit der Fabrikware ermöglichen, andernfalls kommen nur „wohltätige“
Abnehmer in Betracht. Unter folch günftigen Voraus
fetzungen kann eine genoffenfchaftiiche Organ i-
fation für gewiffe Hausinduftrien von Segen fein.
Zu ihrem Gedeihen gehört nebft viel Glück grojze Tüchtigkeit und Opfer
freudigkeit der Genoffenfchaftsleiter und ein ausgebildeter Solidaritätsgeift
der Mitglieder.
Es find nun vorzugsweife ländliche Hausinduftrien, die fich durch
Genoffenfchaftsbildung aufrechterhalten haben. Meift finden fie fich hier als
Einkaufs-, Magazin- und Abfatzgenoffenfchaft, fo die noch blühende Holz-
warengenoffenfchaft Bernau in Baden, der Hohenfteiner Weberverein,
Sitz zurzeit Oberdorf, Bezirk Erfurt, die Vereinigung der Nagelfchmiede auf
dem Hunsrück u. a.
Den Grund für das Überwiegen ländlicher Genoffenfchaften bietet fchon
die billigere Lebenshaltung und größere Anfpruchslofigkeit der Landbewohner,
wodurch eher noch eine Konkurrenz der Heimarbeit mit den Fabrikpreifen er
möglicht wird. Dazu kommt zugleich mit dem zähen Fefthalten an altercrbter
Gewohnheit, dafz fich in der ländlichen Bevölkerung überhaupt am meiften
Genoffenfchaftsgeift findet, vielleicht noch ein Überreft jener uralten auf dem
Genoffenfchaftsprinzip beruhenden mittelalterlich-germanifchen Dorfver-
faffung. Für ländliche Bezirke lohnt fich auch am eheften die künftliche Er
haltung des Hausgewerbefleijzes, weil hier die Bevölkerung in ihrem, wenn
auch nicht fehr ergiebigen, landwirtfchaftlichen Betriebe einen Boden unter den
Füjzen hat, der fie auch bei wenig günftiger Gefchäftslage nicht völlig ins Heim
arbeiterelend verfinken Iäjzt, und weil anderfeits die in der Hausinduftrie
liegende Erwerbsquelle ihr neue Mittel zuführt, den geringen bäuerlichen Be
trieb zu ftärken und neu zu beleben. Wenn die Gegend nicht ganz unwirtlich
und nur zur Aufforftung geeignet ift, und wenn der Bodenbefitz nicht über-
mäjzig zerftückelt ift, fo bedeuten auch geringe Summen für die kleinen bäuer
lichen Betriebe fehr viel: fie bewahren den Landwirt vor einem Abfchlufz mit
Defizit, heben feine gefamte Lebenslage, bewahren ihn vor Verfchuldung, er
möglichen ihm eine Verzinfung und Amortifation der Grundfchuld, oder aber,