Kapitel III. Die Pessimisten. 153
erzeugung auf Grund der Verantwortlichkeit, die sie schaffen, dar
stellte 1 ).
Auch heute hat das große Problem der Bevölkerung nichts von
seiner Bedeutung verloren, doch ist es in gewisser Weise umgekehrt
worden. Das, was Malthus die präventive Hemmung nannte, hat
in allen Ländern eine solche Ausdehnung erlangt, daß das, was die
Soziologen und die Volkswirtschaftler beschäftigt, nicht mehr die
Gefahr einer unbegrenzten menschlichen Fruchtbarkeit, sondern die
einer regelmäßig und allgemein sinkenden Geburtsziffer ist. Es handelt
sich darum, die Gründe dafür zu finden. Man ist übrigens völlig-
einig, anzuerkennen, daß diese Ursachen sozialer Natur sind.
Es genügt nicht, den ausgesprochenen Wunsch der Eltern, keine
Kinder zu haben, oder deren Anzahl zu beschränken, als Grund an
zuführen, eine Erklärung, die natürlich nichts erklärt, da es sich ja
gerade darum handelt, woher dieser Wille stammt, keine Kinder
mehr zu haben? Warum z. B. für Frankreich dieser Enthaltsamkeits
wille, — der in anderen Ländern zum mindesten nicht in gleichem
Grade besteht, und der auch früher, nur zwei oder drei Generationen
zurück, bei den Franzosen nicht bestanden hat, — sich heute mit
solchem Nachdruck fühlbar macht. Zur Erklärung muß man die
Ursachen aufdecken, Ursachen, die Frankreich und unserer Gesell-
l ) Es ist aber nicht nachweisbar, daß dies die Gedanken Mai.thus’ über diese
Fragen gewesen seien.
Was den Grundbesitz, oder wenigstens den kleinen Grundbesitz anlangt, sah
er darin im Gegenteil einen Ansporn für die Yennehrung der Bevölkerung. Das
merkwürdigste aber ist, daß er sein Beispiel hierfür Frankreich entlehnt, wo heute
gerade die Zerstückelung des Grundbesitzes als eine der Hauptürsachen des Rückganges
der Natalität betrachtet wird. Er schrieb hierüber:
„Von jeher hat es in Frankreich eine Menge kleiner Pacht- und Bauergüter
gegeben. Dieser Zustand ist dem Wachstum des Reinertrags nicht sehr günstig, aber
er vergrößert manchmal den Bruttoertrag, und stets trägt er zu einer starken Ver
mehrung der Bevölkerung bei“ (S. 216).
Weiterhin schrieb er; „Was auch die Vorteile seiner Lage und seines Klimas
sein mögen, so ist doch in Frankreich das Streben nach Vermehrung der Bevölkerung
so groß, der Mangel an Voraussicht der unteren Klassen so bedeutend, daß ...“ (S. 521).
Das gleiche bezeugt Godwin, und ebenso Young (den Malthus anführt — S. 560):
„Das Hauptunglück dieses Landes liegt darin, daß es eine so große Bevölkerung hat,
die es weder beschäftigen, noch ernähren kann“!
Was die Ehe anlangt, so schreibt ihr Malthus allerdings eine präventive Eigen
schaft zu: er gibt zu, daß: „die einfachste und natürlichste Hemmung die wäre, jedem
Vater den Unterhalt seiner Kinder als Verpflichtung aufzuerlegen“ (S. 336). Auch
er zu, daß die Verachtung, die das uneheliche Kind oder die uneheliche Mutter
trifft, sich aus der Notwendigkeit rechtfertigt, das Gesetz der Verantwortlichkeit auf
recht zu erhalten. Das Forschen nach der Vaterschaft (la recherehe de la patemite)
lehnt er zwar ab, aber er erklärt, daß die Verführung „streng bestraft werden muß“,
eine Unterscheidung, die heute allgemein anerkannt ist, die aber zu seiner Zeit
ganz neu war.