Kapitel III. Die Pessimisten.
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Ökonomen aller Schattierungen sitzen zu Füßen des Meisters und
hören ehrfurchtsvoll:
aus seinem Mund die Weisheitsworte fließen
(de sa houche abonder les paroles divines).
Aber nicht in diesen erhabenen Regionen muß man Eicabdo
suchen; er steht im dichtesten Getümmel. Um seinetwillen wogt der
Kampf, und gegen ihn richten sich alle Angriffe. Handelt es sich
um die Methode, so stürzt sich die realistische und die historische
Schule auf ihn, der die Wissenschaft in die Sackgassen der Abstrak
tionen geführt hafü Handelt es sich um die “Rechtfertigung des
Grundbesitzes, so wird zuerst seine Rententheorie angegriffen; der
ganze Marxismus und folglich der ganze heutige Sozialismus baut
sich unmittelbar auf seiner Werttheorie auf.' Wenn diese Nachkommen
schaft ihm auch sicherlich wenig Zusagen dürfte, so kann er sie doch
nicht verleugnen. In den Streitfragen über die Rolle der Notenbanken
und über den internationalen Handel findet man ihn, und zwar stets
an erster Stelle, wieder.
Er verdankt es daher ebensosehr seinen Fehlern, wie seinen
Verdiensten, das geistige Leben so nachhaltig in Erregung gesetzt
zu haben. Von den meisten seiner Lehren, wenigstens von den für
ihn bezeichnendsten, ist nicht mehr viel übrig geblieben, wenn man
davon absieht, daß er stark zur Kritik und zu Gegenbehauptungen
herausforderte, was aber vielleicht nicht weniger'von Bedeutung ist.
Übrigens war dieser Citybankier nur ein recht mittelmäßiger Schrift
steller. In seinen Werken findet sich keine jener prachtvollen Seiten,
wie sie Adam Smith oder später Sxuaet Mild verfaßt .haben, ja nicht
einmal Formeln von jener treffenden Schärfe, die nie vergehen können.
Sein Hauptwerk ist völlig planlos: Wie zufällig stehen die Kapitel
nebeneinander. Seine hypothetische Methode mit ihrem ewig wieder
holten: „Angenommen, daß . ..“, sozusagen seine Fabrikmarke, wirkt
sehr ermüdend. Jedoch hat diese abstrakte Methode der Wissen
schaft einen langdauernden Anstoß gegeben, und sie lebt heute in
der mathematischen Schule wieder auf. Er war ein gewaltiger, wenn
auch dunkler Geist, der, wie er selbst gesteht, sich nicht immer
selbst verstand. Eine dunkle Ausdrucksweise tut aber dem Ruhme
keinen Abbruch; sie hat dem Ansehen Ricaedo’s wie später dem von
Makx viel genützt. Wenn es sich um einen großen Mann handelt,
gibt man nicht gern zu, daß er schwer verständlich sei, vielleicht
aus Furcht, dann selbst für nicht mit rechtem Verstände begabt zu
erscheinen. Man bemüht sich vielmehr, in den dunkelsten Stellen
einen tiefen Sinn zu finden. Allerdings ist man hierin, soweit Ricaedo
ln Betracht kommt, nicht immer erfolgreich gewesen.