Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

172 
Erstes Buch. Die Begründer. 
Gesellschaft steht. Was ist nun in Wirklichkeit das Interesse des 
Grundbesitzers ? 
Sein Interesse ist zunächst, daß die Bevölkerung und die Be 
dürfnisse sich so schnell wie irgendmöglich vermehren, damit die 
Menschen gezwungen seien, neuen Boden urbar zu machen; es ist 
weiterhin in seinem Interesse, daß diese neuen Äcker so arm wie 
möglich seien, denn dadurch verlangen sie größere Arbeitsmengen, und 
steigern um ebensoviel die Bodenrente. Daß der Mensch an eine 
stetig härter werdende Arbeit gefesselt sei, um einen immer undank 
bareren Boden urbar zu machen, trägt am sichersten zum Yermögens- 
wachstum des Kentenbeziehers bei! 
Die Grundbesitzer als Klasse betrachtet haben ferner 
alles Interesse daran, so paradox auch zuerst dieser Schluß scheinen 
mag, daß die landwirtschaftliche Wissenschaft so wenig wie möglich 
Fortschritte mache. Denn worin auch dieser Fortschritt bestehe, er 
kann kein anderes Resultat haben, als zu gestatten, auf demselben Felde 
eine größere Menge Produkte zu erzeugen, das Gesetz des sinkenden 
Bodenertrages unwirksam zu machen, und so den Preis der Lebens 
mittel und die Bodenrente zu erniedrigen, da es nicht mehr notwendig 
sein würde, schlechte Felder zu bewirtschaften. Da, mit einem Wort, 
die Bodenrente sich am Hindernis mißt, wie die Höhe des Wasser 
spiegels in einer Talsperre an der Höhe der Schleuse, so wirkt alles, 
was das Hindernis erniedrigt, darauf hin, die Bodenrente zu ver 
ringern. Zur Abschwächung jedoch muß angeführt werden, daß jeder 
Grundbesitzer individuell Interesse daran hat, landwirtschaftliche 
Meliorationen auszuführen; denn solange diese Meliorationen noch nicht 
genügend verallgemeinert sind, um die Preise zum Sinken zu bringen 
und die Anbaugrenze einzuschränken, hat er Zeit, von dem erhöhten 
Ertrag zu profitieren. Da alle Grundbesitzer den gleichen Gedanken 
verfolgen, ist es möglich, daß die individuellen Interessen auf eine 
Selbsttäuschung zum Vorteil des Allgemeininteresses hinauslaufen. 
Man darf sich aber nicht zu sehr hierauf verlassen. 
Ricardo stellt diesen Gegensatz fest 1 ) und unterstreicht ihn 
l ) „Die Geschäfte zwischen dem Großgrundbesitzer und der Gesamtheit sind 
verschieden von den anderen Handelsgeschäften, da man von diesen sagen kann, daß 
der Verkäufer, wie der Käufer seinen Vorteil dabei findet, während in jenen der 
ganze Verlust auf der einen Seite, und der ganze Gewinn auf der 
anderen Seite ist“ (S. 308). Wenn der Grundbesitzer dem Verbraucher sein 
Getreide verkauft, so ist das nicht ein gewöhnlicher Tausch, bei dem beide Teile 
Gewinn haben. Der Verbraucher erhält nichts für das, was er gibt.“ (Hier ist 
natürlich als gedacht angenommen: für den Teil, der die Produktionskosten übersteigt.) 
Aber keinen Gegenwert für das, was man gibt, zu erhalten, heißt das nicht, be 
stohlen werden? 
An einer anderen Stelle sagt Kicaedo, als Antwort auf die gleichmütige Be-
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.