Kapitel IV. Friedrich List und die nationale Volkswirtschaftslehre. 317
wirklichnng der optimistischen Voraussagungen List’s über die not
wendige Befruchtung der Landwirtschaft durch die Industrie ver
hindert hat. Die modernen Zolltarife, die zur gleichen Zeit die
landwirtschaftlichen und die industriellen Produkte umfassen, setzen
eine ganz andere Schntzzollidee voraus, als List sie hatte. Für ihn
sollte sich der Schutzzoll auf gewisse Hauptzweige der nationalen
Produktion beschränken, auf die Hanptindnstrien, von denen die
anderen ihren Saft ziehen, wie Zweige aus dem Ast 1 ). Hierdurch
allein kann die Ausnahmestellung, die man ihnen gewährt, gerecht
fertigt werden. Diese rein praktische Auffassung sucht im Schutz
zoll nur einen energischen Ansporn und ein Mittel des Fortschritts.
Ein Tarif jedoch, der gleichmäßig alle Unternehmungen schützt, der
zwischen befruchtenden und befruchteten Industrien keinen Unter
schied mehr macht, und der zur gleichen Zeit alle Preise erhöht, hat
als einzige Wirkung, jeden Produzenten auf der einen Seite das ver
lieren zu lassen, was er ihm auf der anderen gibt. Ihre gegenseitige
Lage bleibt dieselbe wie vorher, und der Tarif erscheint nicht mehr
als ein Mittel, ihre produktiven Kräfte anzuspornen, sondern als ein
allgemeines Verteidigungsmittel der fremden Konkurrenz gegenüber.
Er ist ausgeprägt konservativ und furchtsam.
In Wirklichkeit sind nun Zolltarife niemals die Anwendung einer
wirtschaftlichen Doktrin. Sie sind das Ergebnis eines Kompromisses /
zwischen mächtigen Interessen, die oft nichts mit dem Allgemein
interesse gemein haben, und dann spielen auch politische, finanzielle
nnd wahltaktische Rücksichten bei ihrer Aufstellung eine oft über
wiegende Rolle. Wir müssen daher in einer anderen Richtung, nicht
in den bestehenden Zolltarifen, sondern in den späteren Doktrinen,
die Spuren der schutzzöllnerischen Gedanken List’s suchen (wenn
sie überhaupt irgendwo zu finden sind).
Das einzige vollständige Schutzzollsystem, das seit List ans
Tageslicht getreten ist, ist das des Amerikaners H. C. Carey 2 ). In
seinen ersten Büchern war Caeey Freihändler, bis er sich 1848 zum
Schutzzoll bekehrte.. Die in seinem großen Werke Principles of
') Nat. Syst. Ausg. Cotta, S. 261—262. „Auch ist es keineswegs erforderlich,
a t alle Industriezweige auf gleiche Weise beschützt werden. Besonderen Schutz
erfordern nur die wichtigsten Zweige, zu deren Betrieb große Anlags- und Betriebs-
apitale, viele Maschinerie, also viele technische Kenntnisse, Geschicklichkeiten und
bungen nnd viele Arbeiter erfordert werden und deren Produkte unter die ersten
Hensbedürfnisse gehören, folglich in Beziehung auf ihren Totalwert wie auf die
Nationale Selbständigkeit von der größten Wichtigkeit sind, wie z. B. die Wollen-,
aumwollen- und Leinenfabriken usw. Werden diese Hauptzweige gehörig beschützt
, . a usgehildet, so ranken alle übrigen minder bedeutenden Manufakturzweige auch
61 geringerem Schutz an ihnen empor.“
2 ) Betreffs Cabey, siehe unten, Buch III.