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Zweites Buch. Die Gegner.
und führt es an: aber er hatte schon in der volkswirtschaftlichen
amerikanischen Literatur gleichartige Anregungen finden können.
Mehr als alle Bücher, hat das wirtschaftliche Leben der Vereinigten
Staaten Amerikas, das sich unter seinen Augen entfaltete, dazu bei
getragen, seine Anschauungen zu bilden. Indem er den Fortschritt der
Vereinigten Staaten unter dem Schutzzoll konstatierte, indem er in
diesem ganz neuen und kaum bevölkerten Lande die Produktivität des
Bodens mit der Kolonisation wachsen sah, und indem er beobachtete, daß
der Reichtum in dem Maßstabe wuchs, wie die Bevölkerung sich ver
dichtete, kam er auf den Gedanken einer Politik der Isolierung, um die
Verwertung der enormen Hilfsmittel seiner Heimat zu beschleunigen.
Glücklicher als List, sah er seine Ideen, wenn auch nicht von den
wissenschaftlichen Kreisen seines Landes, (die sich in der Mehrzahl
ablehnend verhielten), so doch wenigstens von den amerikanischen
Staatsmännern angenommen, die sie im großen ausführten 1 2 ).
Man kann daher die Lehre Caeev’s nicht unmittelbar auf den
Einfluß List’s zurückführen. Hat List nun größeren Einfluß auf die
europäischen Doktrinen ausgeübt?
Ohne Zweifel hat er viele Freihändler, unter denen der be
deutendste Stuart Mill ist, dazu gebracht, die Idee eines zeit
weiligen Schutzzolles für entstehende Industrien zuzulassen*). Ihr
Zugeständnis ist jedoch ziemlich platonisch, da es in den alten
Ländern, deren industrielle Erziehung abgeschlossen ist, keine Be
deutung hat und sich höchstens für neue Länder nützlich erweist.
Können sich nun die modernen Schutzzöllner mit Recht auf List
berufen ?
Es ist nicht immer leicht, — da kein Werk vorhanden ist, das
ihre Ideen systematisch darlegt, — diese Ideen aus der Unmasse
von Aufsätzen, Reden und Broschüren, in denen sie sich zerstreut
finden 3 ), auszusondern. Wenn man die beiseite läßt, die sich darauf
*) Vgl. hierüber Jenks: Henry C. Carey als Nationalökonom, Jena
1885, Kap. 1.
2 ) Vgl. die lange Stelle der Principles, B. V, Kap. X, § 1, die wie folgt
beginnt: „Der einzige Kall, in dem, nur auf Grund der Prinzipien der Volkswirtschafts
lehre, Schutzzölle verteidigt werden können, ist der, in dem sie zeitweilig eingeführt
werden (besonders von einer jungen und fortschreitenden Nation), in der Hoffnung,
eine ausländische Industrie einzubürgern, die an und für sich durchaus den Bedingungen
des Landes angepallt ist. Die Überlegenheit eines Landes über ein anderes kommt
oft nur davon her, daß es früher angefangen hat . . usw. Doch erwähnt Stuart
Mill List nicht, und man darf sich fragen, ob die erwähnte Stelle wirklich auf
dessen Einfluß zurückzuführen ist.
3 ) CAuwks muß besonders betrachtet werden, dessen Protektionismus im Gegen
teil als eine höchst rationelle Anpassung einer Idee Lists betrachtet werden kann,
nämlich: der Überlegenheit der Nationen mit hochentwickeltem Wirtschaftsleben.
Es ist das das einzige wirtschaftliche System des Schutzzolls, das wir heute kennen.